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Zehnter Band.
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Östreich.

Statt aber nach Wien zurückzukehren, schlug sie auf der Rückfahrt die nußdorferStraße ein und eilte über Ens, Wels und Salzburg »ach Innsbruck. Erst in Salz-burg wurden Reisekleider gekauft, und von dem Grasen Bombelles ward eine Procla-matiou an das Landvolk entworfen, welche von den fanatischen Bestrebungen einernach zügelloser Freiheit trachtenden Partei sprach. „Sie habe die verhängnißvollenEreignisse des 15. Mai herbeigeführt und das am 25. April mit allgemeinem Jubelbegrüßte Geschenk einer freisinnigen Verfassung mit dem grellsten Undanke und derrohesten Gewalt vergolten. Unter den Gewaltschritten einer solchen ungesetzlichenBewegung, welche jeder schrankenlosen Bewegung die Thore zu öffnen drohte, beschloßSc. Majestät nicht länger mehr in seiner Residenz zu weilen und hat sich nachInnsbruck begeben." Am 19. Mai, Nachts 10 Uhr entstand in Innsbruck eingewaltiger Tumult, und es begannen die Trommeln in allen Straßen zu wirbeln.Lange konnte man sich die Ursache so außergewöhnlicher Aufregung nicht erklären,bis endlich der Ruf erscholl: Der Kaiser kommt! In wenigen Minuten war dieganze Stadt beleuchtet, und 100 Fackelträger eilten eine halbe Stunde hinaus biszur Mühlaucr Höhe dem Kaiser entgegen. Die Pferde wurden ausgespannt unddie kaiserlichen Wagen durch die Reihe» der Nationalgarden hindurch über den Renn-platz nach der Burg gezogen.

Erst am 18. Mai Morgens ward die Flucht des Kaisers in Wien bekannt.Auch den Ministern sorgfältig verborgen gehalten, kam die Nachricht urplötzlich wieein Donnerschlag, und dämpfte auch den Radicalstcn für einen Augenblick Muthund Eifer. Die Bürgerschaft, auf einmal nüchtern geworden, wüthete gegen dieRuhestörer. Mußte man doch an demselben Morgen in dem Negierungsorgane le-sen: „Des Kaisers Abreise wäre die Flucht Ludwig's XVI., der letzte Tag seinesHierseins wäre der erste Tag der Republik." Solches hatte die „Wiener Zeitung"noch ohne Ahnung des Geschehenen geschrieben; die eine Hälfte war eingetroffen;und die andere? Eben wurden auch zwei bekannte Volksführcr, Häfncr und Tu-wora, gefänglich eingebracht. Sie hatten die Fabrikarbeiter in Mariahilf und Hunds-thurm aufgefodert, in die Stadt zu ziehen und die Republik zu proclamiren. DiesAlles versetzte Wien mit einem male in einen Loyalitätseifer, den es seit den März-tagen nicht geäußert. Jene beide» Aufwiegler entgingen mit Noth dem Schicksaledes Hängens. Das Ccntralcomite wurde überrumpelt und mußte seine eigene Auf-lösung decretiren. Alle Welt patrouillirte und wachte und spielte Polizei und —wechselte in der Nationalbank die Papiernoten um. Sogar das Ministerium gewannfür einige Tage wieder Muth und ergriff kräftige Maßregeln zur Aufrechthaltungder Ordnung. Die Fremdenpolizei wurde verschärft, die Nationalgarde mit demMilitär unter ein Commando vereinigt, an die Stelle des Centralcomite eine neueVolksbehörde unter des Regierungspräsidenten Montecuculi Vorsitze gesetzt, Wien mitdem Standrechte bedroht und endlich die Verantwortlichkeit des Ministeriums füralle Maßregeln proclamirt. Einzelne gingen so weit, die Sperrung der Aula unddie Rückgabe der Errungenschaften vom 15. Mai in Antrag zu bringen. Sogardie Legion ließ sich dazu herbei, ihr Verbleiben von dem Belieben der Bürger ab-hängig zu machen, worauf allerdings die Antwort erfolgte, daß die BürgerschaftWiens die Gegenwart der Legion verlange. Außerdem wurden zahllose Deputatio-nen an den Kaiser aus allen Ständen, vom Ministerium, von der Gemeinde, denCorporationen, Vereinen, sogar von den Frauen abgesendet, um ihn zur unmittel-baren Rückkehr zu bewegen. Man erwartete ihn mit Bestimmtheit für die näch-sten Tage.

In den Provinzen waltete kein geringerer Eifer, durch Adresse» und Deputa-tionen das kaiserliche Haus der Anhänglichkeit des Volks zu versichern, wobei dennauch die Eifersucht gegen Wien, und die geheime Hoffnung, der Hof dürfte in der-jenigen Provinz seinen Aufenthalt aufschlagen, welche durch Lvyalitärsäußcrungcnalle andern überträfe, mit im Spiele war. Namentlich in Prag erreichte die Be-geisterung für die geflüchtet- Dynastie den höchsten Gipfel. Am Morgen des Ta-