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hakte also die deutsche Partei eine Niederlage erlitten, und zwar in einer Frage,welche durch Misverständniß zu der Meinung führte, als hätten sich die Czechcn derLonstituirung des Reichstags überhaupt widersetzt.
Als der Abgeordnete Rieger nach aufgehobener Sitzung das Haus verließ,wurde er von einer zahlreichen Volksmenge umringt, mit Zischen und Pfeifen em-pfangen und mit Gewaltthätigkeiten bedroht. Der Reichstag ist aufgehoben, diePolen und Böhmen haben dies verschuldet! Das ist der Lump, der die Reichs-versammlung unmöglich machen will! Wir wollen mit ihm schon fertig werden! Hal-tet ihn fest! Diese und ähnliche Rufe verfolgten ihn aus seinem Wege und hätten denCzechenführer noch länger geängstigt, wenn nicht Goldmark's energische Dazwischen-kunft das leidenschaftlich gereizte Volk beruhigt und zerstreut hätte. Es war die ersteThat des am 19. Juli proclamirten Ministeriums Doblhof-Bach gewesen, einen Ge-setzentwurf über die Unverletzlichkeit der Reichsversammlung und ihrer einzelnen Glie-der anzukündigen. Mit einstimmigem Beifall hatte der Reichstag diese Maßregelaufgenommen. Der glänzende Empfang, welcher dem neuernannten Ministerium zu-theil wurde, als es zum ersten male den Neichstagssaal betrat, schien jeden Gedan-ken an eine hartnäckige Opposition auszuschließen und den Glauben an eine dauerndeEintracht zwischen der Regierung und den Volksvertretern zu befestigen. Wennaber auch infolge des Ministerwechsels und des Vorfalls mit Rieger im Neichstagssaaledie versöhnliche Stimmung vorwaltete, und für einen Augenblick alle nationalen undpolitischen Leidenschaften schwiegen, so ruhte doch nicht der durch die wiener Presseeifrig gepflegte Straßenlärm. Worte, wie sie damals häufig zu lesen waren: „Wennder Reichstag sich unterfangen sollte, unser Recht zu schmälern, .so werden wir un-sere Vertrauensmänner mit gewaffneten Worten an ihre Pflicht mahnen, und reichendie nicht aus, die rasche That energisch gebrauchen", fielen auf fruchtbaren Boden.Auch die Drohung czechischcr Deputirten, im Nothfälle den Reichstag von Wienweg zu verlegen, blieb nicht unbemerkt.
Kaum war der Reichstag zusammengetreten, als sich auch schon unter der wie-ner Bevölkerung eine kritische, feindselige Stimmung gegen denselben regte. Dasan Skandal und tnmultuarische Debatten gewöhnte Volk fand bald geregelte parla-mentarische Verhandlungen unnütz und unfrei, weil langweilig, und wähnte denReichstag auf Jrrpfaden begriffen, wenn er nicht mit lärmenden Interpellationenund erfolglosem Partcigezänke seine Zeit verbrachte. Auch die locale Eifersucht ließnicht lange auf sich warten. Bisher hatten die wiener Angelegenheiten die öffent-liche Aufmerksamkeit beschäftigt, und über den städtischen Wirren halte man die mis-lichen Verhältnisse des Staats vergessen. Die Provinzen erachtete man ohne Be-deutung, provinzielle Berühmtheiten waren verachtet, provinzielle Rechte und Fe-derungen gehaßt oder verlacht. Der Sicherheitsausschuß und die Aula bildeten diebewegenden Organe des Reichs. Daß beide Institute von nun an unbeachtet zurück-treten, Wien ncFen den allgemeinen Reichsangelegenhciten„eine untergeordnete Rollespielen, und fremde Menschen von unbekannter Herkunft Östreichs Schicksal mit be-stimmen sollten, dies Alles machte die Residenzstadt mismuthig und veränderungssüchtig.
Die noch folgenden vorberathenden Sitzungen waren ziemlich inhaltslos. Am20. Juli schritt der Reichstag zur Wahl seines definitiven Vorstandes. Durchfrische Erfahrungen belehrt, beschloß man der Wahl jede Parteifärbung zu nehmen,und keinen Mann an die Spitze der Versammlung zu stellen, dessen Name» alsProgramm dienen könnte. Aus Höflichkeit gegen Wien wurde ein wiener Abge-ordneter, der Abgeordnete Franz Schmitt, ein blos durch negative Eigenschaftenangezeichneter Mann, mit der Würde des ersten Präsidenten betraut. Weder hiernoch bei der Wahl der beiden Vicepräsidenten fand ein Wahlkampf statt, und wie^ wurden auch seine beiden Stellvertreter, der Abgeordnete für Prag,strobach, und der triestiner Deputirte Hagenauer beinahe einstimmig gewählt. Nach-dem das Bureau constituirt war, konnte nun auch die lang ersehnte feierliche Eröff-nung des Reichstags durch den kaiserlichen Alterego Erzherzog Johann vor sich gehe».