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Zehnter Band.
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Algerien.

in Bezug auf ein Land, das den Europäern zum Theil ganz unbekannt ist, dessenStammbewohner ihnen feindlich gesinnt oder ihnen doch mit Mißtrauen entgegen-kommen und somit alle Forschungen erschweren. Hierzu tritt ferner, daß namentlichin Frankreich eine solche Frage leicht der politischen Partcidoctrin unterstellt und jenach Umständen als Hebel oder als Waffe für oder gegen die Regierenden gebrauchtwird. Die meisten französischen Streitschriften stehen auf diesem engherzige» Stand-punkt der Parteipolemik, und nur selten kann man Belehrung aus ihnen schöpfen.Es gab sogar Zeiten, wo man der Regierung Frankreichs riekh, die ganze afrika-nische Eroberung aufzugeben und höchstens einige Küstenpunkte als Waffen- undHandelsplätze zu behalten. Dann wieder wollte man Algerien rein militärisch colo-nisiren. Andere endlich wollten im Gegentheil das Militärregiment gänzlich besei-tigt und durch reine Civilbehörden ersetzt wissen. Erst die Erfahrungen, welchejetzt über die Colonisation des Landes vorliegen, haben diese Frage über die Exi-stenz der Colonie selbst auf die Seite geschoben. Die Eroberung Algeriens istnun einmal eine vollendete Thatsache, die Ertragsfähigkeit des Landes steht außerZweifel, und es handelt sich nur um die Art und Weise der Colonisation durcheuropäische Einwanderer.

Eine Thatsache tritt in der Geschichte der Colonisation Algeriens zunächst ent-gegen, nämlich: daß die Colonisation sich bei weitem langsamer entwickelt hat als inden transatlantischen Ländern. Bis 1847 mochte man dies theilweise der beständigenUnsicherheit zuschreiben, in welcher sich selbst die der Küste zunächst gelegenen Di-strikte befanden, den wiederholten Invasionen Abd-el-Kader's und der ihm freundlichgesinnten Stämme. Seitdem aber ist Abd-el-Kader's Macht gebrochen, die aufrüh-rerischen Stämme sind unterworfen bis auf einige im Innern des Landes, die öffent-liche Sicherheit befestigt sich mehr und mehr, die friedliche Arbeit hat nicht mehrjene plötzlichen, gewaltsamen Beraubungen und Zerstörungen zu besorgen. Dennochaber wendet sich die europäische Bevölkerung nur langsam der algerischen Küste zu.Man wird daher nach ganz besondern Ursachen dieses Zustandes suchen müssen, undin der That liegen mehre derselben sehr nahe.

Wenn man die Geschichte der ältern und neuern Colonien, namentlich dererin Amerika, Anstralien und Ostindien verfolgt, so wird man finden, daß die erobern-den Staaten stets in sich selbst oder doch in Stammgcnofsen genügende Elementezur Colonisation der eroberten Länder besaßen. Es scheint eine physische Bedingungder Colonien zu sein, daß Colonisten und Colonialregierung sich nicht fremdartiggegenüberstehen. Der fremde Einwanderer findet gern seine eigene oder doch eineverwandte Sprache, seine heimischen Institutionen wieder, oder doch wenigstens dieFreiheit, sich diese anzueignen. So bilden in Amerika und Ostindien die Engländerund Deutschen das Grundelement der Einwanderung.

Anders ist es in Algerien. Der Franzose, so ausdauernd und unermüdlich erim Eroberungskampfc, so wenig ist er dies in der friedlichen Arbeit, welche dieCultivirung eines gesegneten aber vernachlässigten Bodens erfodert. Er speculirtgern, doch verlangt er, daß der Erfolg sehr schnell sich herausstelle, im andern Falleverliert er den Muth. Es kommt hierzu, daß der Franzose an und für sich wenigreiselustig ist, daß er auS Gewohnheit und Bequemlichkeit, in guten oder schlechtenVerhältnissen, an seiner Scholle hängt. Somit fand hier die Regierung nur geringeUnterstützung für das Werk der Colonisation, ohne welche die Eroberung Algerienswenig oder gar keinen Werth hat. Bis zum Jahre 1846 befanden sich unter 100Colonisten nur 44 Franzosen, und selbst heute ist das Verhältniß zwischen Franzosenund andern Europäern - wie 51:49, ein Zahl, die sich noch zum Nachtheile derErster» reducirt, wenn man berücksichtigt, daß die Mehrzahl aller Beamten Fran-zosen sind, die nicht ihren dauernden Wohnsitz in Algerien haben. Die französischeRegierung hat unter diesen Umständen längst schon ihr Augenmerk auf diejenigenLänder Europas geworfen, welche so viele Hunderttausende jährlich nach den über-