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Zehnter Band.
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436 Thüringen.

Proceß die Veranlassung zu einer Denunciation ist, welcher die objective Begrün-düng fehlt.

Im Herzogthum Altenburg mit 132,000 Einwohnern wurden 1849, 1830und 1831 von, Criminalrichter wegen Mordes 1 Person freigesprochen, 2 verur-theilt; wegen Todtschlags 2 verurtheilt; wegen Kindsmordes 4 freigesprochen, 2vcrurtheilt. Allerdings kamen in Altenburg viele geschlechtliche Excesse vor undan Eingriffen in fremdes Eigenthum fehlte es nicht. Immer findet sich zwischenden wohlhabendem Gegenden des weimarischen Kreises und dem armem Eisenach;zwischen dem reichen Kreisamt Altenburg und dem ärmer» Eisenberg ein beträcht-licher Unterschied in Hinsicht der Moralität. Politische Processe kamen nur dort vor,wo die vorgeschrittene Intelligenz das Parteiwesen hervorrief. Im HerzogthumGotha hat in diesem Jahrhundert nur Eine Hinrichtuug (im Jahre 1839) stattge-funden ; leider kamen aber im letzverflossenen Jahrzehnt, wieder vereinzelte Mordthatenvor, wie sich auch die Diebstähle mehrten. Wenn jedoch beim Justizcollegium inGotha recht verschmitzte und verwickelte Processe vorliegen, so wurden sie gewöhn-lich nicht hier, sondern in Koburg anhängig.

Keineswegs liegen im thüringer Volkscharakter so viele wiedersprechende Züge,wie Diejenigen annehmen, welche nie dort waren. Weder sind die Städte mitihren Zünften, noch die Bauern, welche nichts weniger als eine wohlfeile Ausgabevon Städtern sind, in der Auflösung begriffen. Beide gehe», ohne sich deshalbder Einwirkung der Humanitarier, der Pfarrer, Schullehrer, Justiz- und Verwal-tungsbeamten zu verschließen, ihren eigenthümlichen Gang, und es war ein großerdoktrinärer Misgriff, daß die Gemeindeordnung des Großherzogthums Weimar vomJahre 1850 an die Stelle des mit herkömmlichem Respect angesehenen Schulzen einenBürgermeister des Dorfs setzte! Sähe es mit dem Nationalstolze bei den Einzelnenin einem Volke nicht etwas zweifelhaft aus, so müßte zugegeben werden, daß derThüringer in dieser Hinsicht dem Preußen oder Ostreicher nachsteht, denn derWaffenruhm oder die Machtcnkfaltung sind ganz anders im Stande, selbst die unter-sten Schichten der Bevölkerung zu durchdringen, als irgend ein anderes Culturmoment.Indeß zum Befreiungskriege von 1813 stellte auch Thüringen seine zahlreichenFreiwilligen.

Sämmtliche kleinen thüringischen Residenzen sind, sollen wir den Gesichtspunktder Humanität vorwalten lassen, seit geraumer Ze9 Pflanzstätten der Cultur, wiesie sich in den, größer« Staatcncomplexcn angehörenden, übrigens ähnlichen Bedin-gungen unterworfenen Städten nicht so dicht beisammensindet. Seit der Reformationgab es hier Gewissensfreiheit, die Grundlage aller Wissenschaft. Jede dieser Resi-denzen hat ihre wissenschaftlichen Anstalten, ihre Bibliothek, ihr Kunst- und Natu-raliencabinet, ihr Theater, höherer Anfoderung der Architektur entsprechende Ge-bäude und Ziergärten. Die Bibliotheken von Gotha und Weimar gehören zu dengrößten in Deutschland, die Kupferstichsammlung in Koburg und das Münzcabinetin Gotha zu den bedeutendsten, welche existiren. Keineswegs fehlt die Schatten-seite. Wurden diese Länder „Gärten Gottes, gepflegt von Fürstenhand" genannt,so war wenigstens der Zusatz: und durchjagt von Hirsch, Reh und Wildschwein,nothwendig. Allzu tugendhaft stehen die Höfe nicht da; denn es gab einen solchen,an welchem die Stellen, welche 300 Thaler einbrachten, zu 500 Thalern zu kaufenwaren, und die Okroni^us soanclslouss fand mehrfach reichliche Nahrung. Die Alon-geperücken, die Hoffeste, die Paraden Ludwig's XlV. haben hier ihre Miniaturaus-gabe erlebt. Doch die Verdienste überragen die Eitelkeiten.

Noch leuchtet die Zeit, wo Weimar der Mittelpunkt der deutschen Poesie, dasMekka des guten Geschmacks war, hell in die Gegenwart herein. Zwar blicktenWieland und Herder, Schiller und Goethe stets weiter als Thüringens Berge unddie Grenzen seiner Fürstenthümer und ihr Ruhm und ihre Wirkung löst sich mehrund mehr von dem Orte ihres Weilens ab; allein die Thatsache ist nicht z» schmä-lern, daß daS kleine Weimar erfüllte, was Wien, Berlin und Dresden versäumten,