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Zehnter Band.
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Die neuere Physiologie rc.

in der Placcnta findet erst »ach dieser Zeit statt, lind es ist somit höchst unwahr-scheinlich, daß früher psychische Einflüsse auf das Leben des Embryo und die Ent-wickelung seiner Organe Einfluß haben könnten. Die meisten Geschichten, welche dasVersehen der Schwängern darthun sollen, beziehen sich aber auf die spätern Monateder Schwangerschaft, wo die Organe schon denjenigen Zustand der Entwickelung über-schritten haben, den sie bei der Misbildung zeigen. Wenn eine Schwangere z. B.deshalb ein Kind mit einem Wolfsrachen geboren haben soll, weil sie sich im viertenoder fünften Monat an irgend einem Gegenstände versah und über denselben erschrak,so kann man geradezu behaupten, daß dies unmöglich sei, indem in diesem Zeitpunkteder knöcherne Gaumen und die ursprüngliche Lippenspalte schon längst hätte geschlossensein sollen, die Misbildung demnach schon früher existirte, als ihr eingebildeter Grund,der Schreck und das Versehen, statt hatte."

Aus allem Vorherbetrachtetcn sowie aus diesen Thatsachen geht überzeugendhervor, daß man in der ursprünglichen Bildung der Keime, in der befruchtendenFlüssigkeit, sowie in den zufälligen Störungen, welche die Frucht betreffen können,Gründe genug finden kann zur Misbildung der Frucht, und daß man bei denjenigenconstatirten Fällen, wo allerdings ein psychischer Einfluß eine Misbildung erzeugthaben soll, viel eher an eine zufällige Coincidenz denken kann als an eine Erzeugungder Misbildung durch diesen Eindruck. Bei dem reizbaren Zustande, in welchemsich das Nervensystem der meisten Frauen während der Schwangerschaft befindet, wirdes wol selten Fälle von Mißbildungen geben, wo man einen Scheingrund dieser Artnachweisen könnte, und auf der andern Seite ist die Verähnlichung mit denjenigenUrsachen, welche einen psychischen Eindruck hervorriefen, allzu leicht, um Verlegen-heiten herbeizuführen. Die sogenannten Muttermähler z. B- und die verschiedenenrothen Flecke sind eine der am häufigsten vorkommenden Erscheinungen dieser Art, diefast immer aus dem Versehen erklärt werden, aber manchmal gar zu viele Dingebedeuten müssen. Eine Fcuersbrunst, eine blutende Wunde, einen Truthahn, einThier mit offenem Nachen und was dergleichen Gegenstände nichr sind, über dieman im gewöhnlichen Leben erschrecken kann, müssen alle durch dieselbe Art vonrothen Flecken auf dem kindlichen Körper ihre Abbildung finden.

Eine weitere Frage, welche oft und häufig ventilirt wurde und die man schonlängst abgethan glaubte, taucht in der unmittelbarsten Neuzeit mit den theologischenund kirchlichen Tendenzen, die wir stets mächtiger sich entwickeln sehe», auch wiederaufs neue hervor' es ist dies die Frage nach der Bcjeelung der Frucht und nachder Entwickelung der psychischen Thätigkeit des Kindes. Zwei Ansichten stehen hierebenso wie in der Physiologie des Erwachsenen schroff einander gegenüber. Die eineist die ältere theologische Ansicht, nach welcher die Seele des Kindes, als ein im-materielles Wesen, demselben zu irgend einer Zeit mitgetheilt wird, sei es in demAugenblicke der Zeugung, sei es spater, möge nun diese Mittheilung geschehendurch einen unmittelbaren Eingriff des Schöpfers oder durch die Theilung der Seelender Zeugenden, von welchen Jedes ein Theil Seele hergeben müsse, um darausdie Seele des Kindes zusammenzuschweißen. Über diese specieller» Fragen waren dieDogmatiker von jeher getheilt, und scheinen es auch noch zu sein, da zur Ent-scheidung derselben aus leicht ersichtlichen Gründen niemals Thatsache», sondern nurmehr oder minder subjektive Glaubensmeinungen beigebracht werden können. Schroffgegenüber steht diejenige Anficht, welche die allmälige Entwickelung der Seelen-erscheinungeu aus derjenigen des Organs, d. h. des Gehirns, erklärt, und die ebenunter dem Begriffe Seele nichts Anderes versteht als einen Compler von Fähigkeiten,welcher in dem Gehirne seinen Grund hat und nothwendigcrweise mit der weiter»Entwickelung dieses Organs auch eine weitere Ausbreitung erhalten muß. Mit dieserAnficht steht vollkommen im Einklang die allmälige Entwickelung der Geistesfähig-keiten bei deni Kinde, die mit der Ausbildung der Organe selbst gleichen Schritthält, und die man mit der Präexistenz eines immateriellen Wesens, welches das Or-gan nur als Mittel der Äußerung benutzt, gewiß nicht vereinigen kann. Es wäre