Indenthum. 533
i harren an den Überlieferungen der Vergangenheit! Was einmal von den Vatern als
^ Gesetz festgestellt, oder nur als Gebrauch und Sitte geübt worden war, vererbte sich
unveränderlich auf die folgenden Geschlechter. Ohne Prüfung des Ursprungs, ohneWürdigung des Werths und der Bedeutung hielt man an dem Kleinsten wie andem Größren, an dem Erhabenste» wie an dem Sinn- und Bedeutungslosesten mitunerschütterlicher Beharrlichkeit fest. Die Religion lebte in dem Bewußtsein oder in, dem Empfinden ihrer Bekennet nur als eine wüste Sammlung von Bestimmungenüber Das, was man thun muß und was man nicht thun darf. Das gesammteLeben des Einzelnen und der Familie war in allen seinen Details durchwebt miteiner Unzahl von religiösen Formen und Förmlichkeiten, die Allem, was der Judej that und schaffte, seinem Hause und seiner Person, seinem Gang und seiner Klei-
dung, seiner Sprache und seinen Gedanken ihr eigenthümliches specifisch jüdisches Ge-präge aufdrückte, und das Bewußtsein der trennenden und gegensätzlichen Besonder-heit sowol in diesem wie in seine» christlichen Mitbürgern wach und lebendig erhielt.Der Jude hielt Alles, was er selbst that und dachte, der Christ Alles, was er vomJuden sah und wußte, für Religion und Indenthum. Was Alles als religiöse Be-stimmung von der einen Seite beobachtet und heiliggehalten, von der andern an-gestaunt oder verspottet wurde, ist nur andeutend anzuführen hier vollkommen un-möglich. Genug, daß das ganze Dasein des Juden specifisch jüdisch war und allesJüdische ihn, für religiös galt. Der eigentliche gemeinsame Cultus nahm trotz seinerungeheuren Ausdehnung neben diesem Indenthum des Hauses, der Familie und desEinzellebcns doch nur eine untergeordnete Stelle ein. Der Jude konnte desselbenfast gänzlich entbehren, ohne in der strengsten Neligionsübung im geringsten behin-dert zu sein. Der Rabbiner der Gemeinde pflegte nur selten oder auf kurze Zeit> an dem allgemeinen Gottesdienst derselben Theil zu nehmen. Belehrung, Erbauung,Andacht erschien nicht als der Zweck des gemeinsamen Gottesdienstes, sondern der-selbe war wieder nur die Erfüllung einer bis ins kleinste Detail vorgeschriebenenNeligionspflicht, deren Übung jedem Einzelnen oblag. Der Zweck der Gemeinsam-keit mußte gegen die Beobachtung dieser gesetzlichen Vorschrift für den Einzelnenunbedenklich zurückstehen, und diesem eigentliche» Zweck des Gottesdienstes fiel auchAlles zum Opfer, was auf Würde, Form und Ordnung desselben abzielen konnte.Der gänzliche Mangel an diesen ersten Bedingungen eines erbauenden und erheben-den Cultus in den jüdischen Synagogen jener Zeit ist nur zu bekannt, als daß eshier einer weiter» Schilderung bedürfte.
I» eine», ganz ander» Verhältniß wie zur Neligionsübung stand der Judejener Zeit zur Rcligionslchre des Judcnthums. Den» während dort Alles bisaufs Kleinste feststehend war, fehlte es hier an allem Anhalt zu einer festen Ge-staltung ; während dort die geringste Vorschrift, die unbedeutendste CeremonieAllen bekannt und heilig war, herrschte hier völlige Unwissenheit und Gleichgül-tigkeit; während dort die leichteste Übertretung und Nichtachtung als ei» Abfallvon, Indenthum gefürchtet und geahndet wurde, schien man hier der subjective»Meinung umfangreiche Freiheit zu gewähren. Und es ist eine der bedeutsam-sten Thatsache» in der Geschichte und für die Würdigung des Judcnthums, daßselbst in dieser Zeit des tausendjährigen Beharrens in dem Hergebrachten und derstrengsten Aufrechthaltung von Gesetzen und Gebräuchen, doch eigentlich nirgend derVersuch gemacht wurde, der Denk- und Glaubensfreiheit des Juden, diesem heilig-sten Palladium seiner Religion, Schranken aufzulegen. Denn wen» auch nach demVorgänge der christliche» Hierarchie hier und da Versuche gemacht wurden, einzelneoffen kundgegebene Meinungen als „„jüdische zu verwerfen und deren Vcrkünderals Abtrünnige oder gar als Feinde des Judcnthums zu verketzern, so haben dochdiese Verfolgungen im Indenthum niemals Bode» gewinnen können; und das Her-vortreten von religiösen Ansichten, die von den hergebrachten wesentlich abwichen,hat oft zu den. heftigste» litcrarischen Kämpfe,, Anlaß gegeben, ohne daß man versucht; gewesen, eine Verketzerung damit z» verbinden. Andererseits sind zwar von ausgezeich-