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Zehnter Band.
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542 Iudenthum.

zur Selbstcrhebung nicht verloren hotten. In Tausenden erwachte wie aus einemlangen tiefen Schlaf der Funke eines brennenden Ehrgeizes, der nun der Geistes-und Willenskraft der strebenden Jünglinge plötzlich eine andere Richtung gab. Dennwas Einer erreicht, schien nun Keinem mehr unerreichbar, und wie sie mit rast-loser Arbeit bisjetzt dem Ziel der höchsten talmudischen Ehren nachgestrebt hatten, so standvor den Blicken eines Jeden jetzt der Name und der Ruhm Mcndclssohn's als dasIdeal seiner Zukunft. Und er durfte sich diesem berauschenden Jdeengang hingeben,ohne in seinem Gewissen das Bedenken aufsteigen zu sehen, daß diese neue Bahnihn von dem heiligen Boden des Judenthums, von dem Pfade des unverletzlichenGesetzes ablenken werde. Denn der Mann, der ihm auf diesem Wege voranleuch-tete, war weder durch das Licht der Wissenschaft, noch durch den Glanz seiner öf-fentlichen Stellung dem Iudenthum entfremdet, dem Gesetz untreu geworden; erwar durch seinen geselligen und freundschaftlichen Verkehr mit hochstehenden Christennicht zur Verleugnung seiner Religion, durch Philosophie nicht zum Zweifel an Ge-setz und Lehre geführt worden. Es war also deutsche Wissenschaft ebenso wenigunvereinbar mit wahrem Iudenthum, wie das Iudenthum mit wahrhafter Bildungund öffentlicher Ehre.

Dieses Aufleuchten einer neuen Überzeugung und eines neuen Skrebens in denGemüthern der Juden auf Grund einer selbstredenden Thatsache ist der Beginn derneuen Entwickelungsepoche in der Geschichte des Judenthums und seiner Bekenner.Mit dem Moment, in welchem das bewußte Verlangen nach dem Eintritt in dieCultur und in das Leben der Zeit und der Nationen in ihnen erwachte, hatte dergroße Kampf für die Besiegung der gewaltigen Hindernisse begonnen, die diesemZiel im Wege standen; und er wird nicht enden, bis sie hier wie dort vollkommenüberwunden sind. Glücklicherweise glaubte man damals diese Hindernisse nur aufder andern Seite, d. h. in dem Vorurtheil gegen das Iudenthum und seiner Be-kenner, nicht aber auch in der gegenwärtigen Gestaltung des Judenthums selbst zuerkennen. Denn in diesem Falle würden sich zur Zeit schwerlich die Männer ge-sunden haben, die den Muth fühlten, diesen Kampf zu beginnen, und die Kraft hat-ten ihn zu bestehen. Und eben dadurch ist Mendelssohn, wie Luther, fast ohne eszu wollen und zu wissen, der berufene und einzig besäbigte Reformator seiner Zeitgeworden, weil er, wie Jener, nicht zu hoch über derselben stand und selbst noch inderjenigen religiösen Vorstellungsweise besangen war von der er seine Glaubens-genossen nicht zu befreien im Stande gewesen wäre.

Wir werden alsbald Gelegenheit finden, unsere Ansicht über diese wichtigeThatsache näher zu beleuchten, und wollen jetzt nur noch nachweisen, wie er durchseine specifisch religiösen und jüdischen Schriften seinen Glaubensgenossen den Wegund die Mittel zeigte, zu dem Ziel zu gelangen, nach welchem er durch sein allge-meines Wirken und dessen Erfolge das Verlangen in ihnen geweckt hatte. Den erstenAnstoß zu dieser Seite seiner schriftstellerischen Thätigkeit gab der bekannte Brief Lava-tcr's, der, in hochmüthiger Auffassung des Christenthums wie in misachtender Un-kenntlich des Judenthums, dieses mit Wissenschaft und Philosophie für unverträglich,jenes für identisch hielt. Von diesem Gesichtspunkt aus erachtete sich Lavatcr für be-rechtigt, an Mendelssohn öffentlich die Auffoderung zu richten, daß er nicht längerzaudere, sich vom Iudenthum loszusagen und zum Christenthum überzutreten, demer doch im Geist bereits angehöre. Mendelssohn wies diese Auffoderung mit wür-devoller Ruhe, aber mit einer Entschiedenheit zurück, die über seine Übcrzeugungs-treue, mit der er im Iudenthum zu beharren entschlossen war, keinen Zweifel übrigließ. Er gewann durch dies gehaltene Benehmen ebensowol bei seinen christlichenFreunden an Achtung, wie bei seinen Glaubensgenossen an Vertrauen. Ohne Zwei-fel aber schöpfte er aus dieser zudringlichen Auffoderung Lavatcr's die Veranlas-sung, sich mit seiner schriftstellerischen Thätigkeit in mehr directer Weise den Interessenseiner Glaubensgenossen zuzuwenden. Es war ihm, als ob er ein Verschulden gegendieselben gut zu machen habe. Denn wie hätte man ihn einer so leichtfertigen