Band 
Zehnter Band.
Seite
716
JPEG-Download
 

716 Die große und kleine Industrie.

solche Übel wieder; und selbst die Fabrikherren können darunter leiden, indem ihrealten Maschinen u. s. w. durch das Aufkommen neuer, besserer einen großen Theilihres Werthes verlieren. Freilich hängt es mit der Beschränktheit der menschlichenNatur fast nothwendig zusammen, daß bedeutende allgemeine Fortschritte selten mög-lich sind, ohne einzelnen, an sich berechtigten Interessen zu schaden. „Keine Stubekann gefegt werden, ohne daß es vorübergehend mehr stäubt als zuvor; selbstder wohlthätigste Friedensschluß nach langem Kriege ist für Manchen ein Un-glück!" (Stewart.) Diese Schattenseite des Maschinenwesens findet natürlich insolchen Fällen nicht statt, wo das ganze Gewerbe, das dadurch gefördert werdensoll, bisher noch gar nicht im Lande existirte. Hier haben sich eben noch keineExistenzen an den Fortbetrieb der unvollkommenen Methode geknüpft. Man siehtdies z. B- in den Colonien europäischer Mutterländer. Aus demselben Grunde,weil man leichter ausweichen konnte, weil die Arbeitstheilung weder so groß war,noch so festgefahrene Geleise gebildet hatte, scheinen die vielen und überaus wichtigenErfindungen am Schlüsse des Mittelalters — Windmühlen, Drehbänke, Webstühle,Hammerwerke u. s. w. — wenig Menschen unglücklich gemacht'zu haben. *)

V. Sociale Wirkungen des Maschinenwesens.

Der schlimmste Einfluß der Maschinen, zunächst auf die Arbeiter, welche da-mit zu thun haben, durch diese aber auch auf das Volksleben im Ganzen, bestehtdarin, daß sie das Proletariat zu vergrößern pflegen, und zwar sowol extensivwie intensiv. Fast alles Dasjenige wiederholt sich hier, was wir oben von denFolgen der großen Fabrikindustrie gesehen haben. Diese hängt mit dem Maschinen-wesen in jeder Hinsicht zusammen. Nur mit Hülse eines so mechanischen Regula-tors der Arbeiter ist die kolossale Ausdehnung möglich, zu welcher die großen Fa-briken unserer Zeit sich entwickelt haben. Aber auch andererseits können vorzugsweisenur die reichen Fabrikherren die Anschaffung der wirksamsten und kostspieligsten Ma-schinen erschwingen. Wenn englische Theoretiker das Wort taoloi-)' erklären wollen,so definiren sie es gewöhnlich dahin, daß die Hauptsache ein von derselben Central-krast geleitetes Maschinensystem sein müsse. (Ure.)

Wir haben gesehen, daß die Bevölkerung in den meisten Fällen durch dasMaschinenwesen nicht vermindert, sondern vermehrt worden ist. Dies betraf jedochregelmäßig die besitz- und aussichtlose, d. h. eben die proletarische Bevölkerung ammeisten. Jede Menschenclasse hat die Tendenz, sich um so rascher zu vermehren,je weniger nach ihren Standesbegriffen zum Unterhalt einer Familie nöthig ist. Mandenke nur an die ländlichen Tagelöhner im Vergleiche mit Bauern! Demnach wirdein ordentlicher Handwerksmann in der Regel so lange mit seiner Verheirathungwarten, bis er Meister geworden ist; und dies wiederum setzt doch immer etwasCapital voraus: er muß Werkzeuge, meist auch Rohstoffe kaufen, mit Einkassi-rung seiner Rechnungen einige Zeit warten können u. s. w. Der vorzugsweise so-genannte Manufacturarbeiter hat in seinem Hausgewerbe schon weniger Capital nöthig,da ihm Rohstoff und Muster gar oft von Seiten des Verlegers übergeben, seineWaare fast immer, sobald sie fertig geworden, stückweise von diesem bezahlt wird.So fehlen auch in seinem Leben die festen Avancementsstufen, welche dem Hand-werker durch die Zunftverfassung geboten werden: er ist eher in seinen eigenen Au-gen ein „fertiger Mann", der nun auch mit dem Heirathen nicht länger zu wartenbraucht. Indessen Werkstatt, gewöhnlich auch Werkzeug muß er doch selbst stellen.Ganz anders beim Fabrikarbeiter, dessen Werkzeug die Maschine, dessen Werkstattdie Fabrik ist, dem aller Rohstoff von Seiten des Herrn geliefert wird, der seinenfestbestimmten Lohn alltäglich oder wöchentlich empfängt. Der hat weiter gar nichtsin die Production einzuschießen, als nur seine persönliche Kraft; und zwar, je voll-

*) Ähnliches bereits von Herrenschwand beobachtet: „Vv I'eeonoinie polilique moctorno.Oiseours tonttamsntal sur Is Population" (Lond. 1786).