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als sie gewahrten, daß die kaiserlichen Manifeste nirgends auf eine offen feindseligeAufnahme stießen, als sie namentlich den Bauernstand durchaus nicht geneigt fan-den, für die Grundrechte und eine föderative Verfassung zu den Waffen zu greifen— eS wurde denselben neuerdings die Aufhebung aller Unterthanslasten verbürgt —,kam eine gänzliche Mutlosigkeit unter die Männer des Reichstags und ließ sich dieGewißheit einer vollständigen, dauernden Niederlage nicht länger verhehlen.
Die Kritik dieser Vorgänge kann nur mit Rücksicht auf den ganzen Zusammen-hang der Umstände und namentlich mit Rücksicht auf ihre in der nächstfolgenden Zeitsich ergebenden Wirkungen geführt werden. Gelang es der Regierung, dem Volke diewichtigsten Güter zu erhalten, in deren Namen die Märzrevolukion begonnen hatte,und die als nothwendig anerkannten Reformen in der Administration, im Gerichts-wesen, in den Handelsangelegenheiten rasch und gründlich durchzuführen, so hatte sieeine ausreichende Entschuldigung für ihr Verfahren. Daß die. Rcgierungskreise dieVolksstimmung des Jahres 1848 nicht theilten, daß die auf dem ganzen Continentezurückdrängende Flut der politischen Bewegung auch nach Östreich sich erstreckte, wirdman wol natürlich finden. Solidarisch war die Revolution aufgetreten, die gleicheAusdehnung und Solidarität nahm auch die Reaction in Anspruch. Die ungestörteFortdauer des constituircnden Reichstags in Östreich angesichts der Dinge, die in T
Frankreich, in Italien und Deutschland vor sich gingen, wäre im Jahre 1849 einegewaltige Anomalie gewesen. Auch trug der Reichstag selbst große Gebrechen an sich:seine Zusammensetzung, seine achtmonatliche Wirksamkeit blieben weit entfernt, denGlauben an seine Befähigung zu dem Verfassungsgeschäfte zu stärken. Aber auchdie Schwierigkeiten, welchen das Ministerium bei seinem Streben, die Revolution zuschließen, begegnete, waren mächtig genug, um den Zweifel an der Durchführungseiner Aufgabe zu rechtfertigen. Freilich, den ärgsten Plagegeist, eine ungezügeltePresse war man glücklich losgeworden. Der Sieg über die Wiener halte 172 Ta-geblätter in das Grab gestürzt, und welcher Natur ihre Tendenzen waren, beweisenschon die Namen: „Bst! Bst! Warum?", „Der politische Esel", „Höllenstein",
,/Jüngster Tag", „Der politische Kellner", „Die rothe Mütze", „Ohnchose", D
„Wäschertonerl", „Rothmantel" u. s. w. Auch die öffentliche Meinung bewies sich mattund abgespannt; aber Ungarn, Italien, die zwei mächtigsten Provinzen, waren nochnicht besiegt, und eben stand wieder ein neuer Feldzug gegen Sardinien in Aussicht.
Die Administration befand sich in grenzenloser Verwirrung, die Beamten ohne Disciplinund Muth, die Finanzen unheilbar krank, die alten Gesetze unbrauchbar, neue nochnicht geschaffen, zahllose Interessen harrten der Befriedigung, nirgends zeigte sich aberder Gcmeingeist. Wahrlich, wenn die Regierung alle diese Klippen umschiffte und trotzdieser Hemmnisse ihre Aufgabe löste, Östreich neu nach dem Bedürfnisse der Zeitorganisirte, so stand sie bewunderungswürdig da,' mochte auch ihr Verfahren gegen !den Reichstag, ihre Vernichtung kaiserlicher Gewährschaftcn viele persönliche Überzeu-gungen verletzen, zahlreiche Feinde und Gegner ihr schaffen. Die Rechtfertigungoder die Verdammung der Regierung liefert die Geschichte der nächstfolgenden Jahre.
Daß Östreich nicht nur nicht besteht, sondern eine mächtige Stellung unter den welt-gebietenden Staaten einnimmt, daß es eine große Armee ausweisen kann, die nachinnen Gehorsam, nach außen Achtung einflößt, daß es in einer rationellen Bureau-kratie sich ein neues, wirksames Machtmittel geschaffen hat — alles Dies spricht offen-bar zu Gunsten der Regierung. Ein östreichischer Staatenbund, wie ihn die Führerdes Reichstags sich dachten, wäre längst zersprengt und vernichtet. Ob aber diestraffgespannte Centralisation auf die Dauer dem Genius der östreichischen Völkerentspricht und höher« Culturideen sich überall günstig zeigen wird, dies ist eine Frage, -
die jetzt nicht zur Beantwortung drängt.