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Die englische Literatur
vom Tode Byrons und Walter Scott's bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt.
I. Die letzten drei großen Facten der neuern englischen Poesie.
Es sind 23 Jahre verflossen, daß Walter Scott, der Shakspeare des modernen Ro-mans, vom Schauplatz seiner Wirksamkeit abgerufen, und 31 Jahre, daß Lord Byronzu seinen Vatern versammelt wurde. Thomas Moore ist im Anfange des Jahres1851 dahingegangen, nachdem seine Jahre seine poetische Productionskraft langezuvor überholt hatten: sein Dichterfeuer noch unter dem Schnee des Greisen-alterS zu bewahren, ist ihm nicht vergönnt gewesen. Der Schwiegersohn WalterScott's, John Gibson Lockhart, ist erst vor kurzem (November 1851) an der Seiteseines Schwiegervaters zur Erde bestattet worden. Oft hat der Benshee die berühmtenNamen, an welche die besten Traditionen der englischen Literatur sich knüpfen, ge-rufen! John Wilson, James Montgomery, Miß Mary Mitford, Justier Talfourd —über fast allen den Celebritäten ältern Datums hat sich nachgerade die Gruft ge-schlossen, und die glänzenden Namen, mit welchen sich in den Phantasiegebilden undTräumen unserer Kindheit und Jugend die ersten Vorstellungen von Englands Größeverknüpften — die Namen eines Byron und Scott vor allen, gehören nicht mehrden Zeitgenossen an.
Welch ungeheure Kluft liegt schon zwischen dem England, aus dessen Zeit-bewußtsein heraus Walter Scott und Byron dichteten, und dem England der Ge-genwart! Welche Veränderungen in der Cultur wie in dem Aussehen des Lan-des! Wie viele sociale Revolutionen, die sich an die Fortschritte der Industrie,die wunderbare Vervollkommnung des Maschinenwesens, die Emancipation derKatholiken, die Aufhebung der Kornzölle und der Schiffahrtsacte, und (last notleastl) an die Zersetzung und Auflösung der großen Parteikörper und der vorwiegendpolitisch-journalistischen Weltanschauung, deren Träger sie waren, anknüpfen! Eng-land, anscheinend so lässig, in so pedantischer Allmäligkeit zu seinen politischen Zielenschreitend, wie rasch, wie besorgnißerregend rasch hat es in den drei letzten Jahrzehn-den auf dem Gebiete der socialen Bewegung und auf dem Gebiete der Literatur,welches stets der getreue Gradmesser und Spiegel von jener ist, gelebt! Die Feenfinden kaun: noch ein Asyl in den Christmasreimcn eines fashionablen Poeten oderin den Gebirgen der Hochlande. Der Eiscnharnisch Jvanhoe's klirrt längst nichtmehr im Roman, und jene geschichtlichen Romane des schottischen Barden, witihrem schweren, aber gediegenem Gepränge decorativcr Ausstattung und altväterisch^Umständlichkeit, haben der Socialnovelle auf „breitester Basis" Platz gemacht.
Poesie, wo sie nicht sociale Stoffe erfaßte, ist in leere, ideenlose Formspielerei oderzu einem Schwelgen in phantastischen Visionen und geschmacklos übereinanderge-häuften Schildcreien ausgeartet. Die Parlamcntsbercdtsamkeit hat ihren alten GlanZverloren und richtet sich fast nur noch an die Feder des Reporter, statt an Gehörund Seele. Die EenialitätsschulcEes „Jungen England" (es beginnt geradewieder aufzuleben!) ruft nach dem „großen Manne" und ist der Herrschaft der st^'joritätcn überdrüssig. Der Nerv des Drama ist erschlafft. Die Geschichtschreibungbeginnt, seit Miß Martineau's „Geschichte von England während des dreißigjährig^Friedens", statt einer Geschichte der Parteien, der Feldherren, der Schlachten, öerHof- und Staatsactioncn, mehr und mehr „Naturgeschichte des Volks", der "N'dustrie, der Erfindungen, der Literatur, kurz Culturgeschichte im engern Sinne dcWortes zu werde», wo sie nicht zur Apotheose des Genius wird oder ihren Stromin der immer mehr in die Breite wachsenden Mcmoirenliteratur versickern läßt.
*) Verfasser dieses Artikels ist Dr. pbil. Karl Ohly in London. D. R*d.