624 Die Literatur Frankreichs.
lasse. Da, wo wir ein Porträt erwarten, gibt er uns eine Caricatur. Die Re-naissance und Reform und die intellectuellen und religiösen Auflehnungen, welchediese zwei Worte in sich schließen, erregen bei ihm eine so naive und ungcmeine Be-wunderung, daß er darüber plötzlich vergißt, was er vorher geschrieben. Die glü-hende Lobrede auf Luther's und Michel Angclo's Zeit wird in seiner Feder unwillkür-lich eine heftige Anklage gegen das Mittelalter und die christliche Kunst des 13. Jahr-hunderts. Michclet hat freilich seine Leser an »«vermuthete Sätze und Sprüngeseiner Einbildungskraft und Dcnkungsart gewohnt; Widersprüche sind ihm von jehergeläufig gewesen, und wurden ihm gern verziehen, weil sie sich sozusagen alsungebetene Gäste einstellten, ohne daß er darum wußte. - Doch Niemand, scheintes, war auf die schroffe Sinnesänderung gefaßt, die bei Michelet in Bezug auf dasMittclalter und die gothische Kunst vorgegangen ist. Diese unerwartete Wendunghat viel Lehrreiches und Ergötzliches, zumal wenn man sie in Michelet's neuestenSchriften mitansieht. Nichts wäre leichter, als ihn auf frischer That des Wider-spruchs zu ertappen und zahlreiche Stellen anzuziehen, wo er die gothische Kunsterhebt, und ebenso viele andere, wo er sie herabsetzt. Noch unlängst war die gothischeKunst eine Kunst, die in seinen Augen weit höher stand als die griechische undrömische Kunst; jetzt ist sie für ihn eine unbeholfene, ungeschlachte Kunst, die „ihreBauwerke nur mit einem ängstlichen Apparat von Stützen und Strebepfeilern müh-sam zum Stehen bringt", deren Monumente aussehen wie „schwache Insekten miteinem übermäßige» Um- und Anhang von dünnen Gliedern, die sie umfallen lassen,wenn sie beschädigt sind". Sicherlich ist der Parteigeist, wie Pascal sagt, „einwunderbares Instrument, um Einem angenehm die Augen auszustechen"; sonst wärees nicht begreiflich, wie ein vorzüglicher Geschichtschreiber im Laufe eines großenWerks sich dazu verstehen kann, seine frühern Aussprüche zu widerrufen und seineArbeit zu verderben. Michelet hat seine neuen Kunstansichtcn zwar mit einer Schutz-rede bevorwortet, die aber blos seine Verlegenheit kundgibt und nicht sagt, was ihneigentlich in diese veränderte Richtung hineingetrieben hat.
Michelet gehörte ursprünglich zur romantischen Schule, die bekanntlich bei ihrewersten Auftreten eine fanatische Bewunderung für daS Mittelalter und die gothisch*Kunst äußerte. Diese Schule wurde dabei eben nicht von der Betrachtung geleitet/daß das Mittclalter wie die Kunst, die es hervorgebracht hat, vom christlich-kathe'lichen Geiste erfüllt und durchdrungen war. Das religiöse Moment kam bei ih""'Trachten wenig in Anschlag. Sie wollte hauptsächlich gegen die Herrschaft declassischen Literatur des 17. Jahrhunderts, gegen die nach antiken Mustern gen'*'dclte Kunst einwirken, und hakte jedenfalls das Verdienst, den Erinnerungen, Übe*'lieferungen und Kunstdenkmälern einer großen und merkwürdigen, aber ganz ^gessenen Zeit die öffentliche Aufmerksamkeit wieder zuzuwenden. Bei dieser roin«tischen Frcischar, die einen berühmten Dichter zum Anführer und Micheletrüstigen Mitstreiter hatte, hielt man sehr wenig vom heidnischen Alterthume, sp*^sehr geringschätzig von der Renaissance, und war außer sich vor Entzücken überKathedralen der christlichen Heldenzcit. In dem letzten Punkte besonders war wganz störrisch und närrisch, und der Verräther, der den Kleeblattbogen gelästert »Vitruv's und Palladio'S Säulenordnungcn gepriesen hätte, wäre unbarmherzigsteinigt worden. Man schalt die Geistlichkeit wegen ihrer lauen StimmungKirchenbauten des Mittclalters. Eine stille Bewunderung galt für eine st^'
Sünde. -olg
Ein seltsamer Geschick erwartete diese Schule, die jetzt ihren wirksamenbedauert. Die gothischen Münster sind von aller Welt geschätzt worden. s,auG'sie ausgebessert, vom Verfall gerettet und dem Klerus zurückgegeben, der gndterweise nun auch die dazu gehörende Glaubensherrschaft als sein altes „ist-Eigenthum verlangt. Es ist nicht mehr eine bloße Frage mittelalterlicher -^1-
archäologie, sondern auch eine Frage religiöser Wiedergeburt im Sinne des ^österlichen Katholicismus. Hiervon hat die romantische Schule nichts wissen