742 Die mikroskopische Welt.
bei der eigentlichen, der geschlechtlichen Fortpflanzung. Damit wirklich ci» neuerOrganismus entstehe, muffen hier zwei Organe aufcinandcrwirken, die in der Regelauf zwei verschiedene Individuen vertheilt, seltener (bei Zwittern) in einem und dem-selben Individuum vereinigt sind. Diese beiden Organe, das männliche und dasweibliche, sind ein jedes für sich allein zur Zeugung unfähig; beide aber sind bei derEntstehung eines neuen Wesens bethciligt, doch in verschiedener Weise. Das weib-liche Organ liefert den Boden und die Masse des Stoffs, aus dem der Keim sichbildet; daS männliche Organ gibt die Anregung, damit derselbe sich entwickele. DasWesentliche des weiblichen Organs ist im Thierrcich das Ei mit dem Keimbläschen;das Wesentliche des männlichen ist die Samenzelle mit den Samenfäden, Spcrma-tozoidcn, gewöhnlich Samcnthierchen genannt. Ei und Samenfäden müssen mitein-ander in unmittelbare Berührung kommen, damit die Befruchtung stattfinde; dasbefruchtete Ei wird der Anfang eines neuen Individuums.
Bei den höher» Pflanzen oder Phanerogamen sind zwar ebenfalls zwei Ge-schlechter vorhanden, von denen das weibliche durch den Fruchtknoten dargestellt wird,in welchem die Eichen mit dem darin enthaltenen Keimbläschen sich entwickeln; dasmännliche dagegen wird durch die Staubfäden oder Anthercn vertreten, in denen diePollenzellen des Blutenstaubes reifen. Die Befruchtung geschieht und ein keimfä-higer Same bildet sich nur dann, wenn der Inhalt der Pollenzellcn mit den Keim-bläschen des Eichens in Berührung gekommen ist, obwol bewegliche Spermatozoidcn,die bei diesem Acte thätig wären, sich noch nicht haben auffinden lassen. Die Kryp'togamcn charakterisiere man bis inS letzte Dccennium durch den angeblichen Mangeldes Geschlechts, bis durch eine Reihe glänzender Entdeckungen seit dem Jahre 18^sich herausstellte, daß bei den Familien der höher» Gcfäßkryptogamcn (den FarrMden Schachtelhalmen, den Moosen) das Geschlecht zwar verborge», aber doch überallentwickelt sei, und zwar wundcrbarerweisc in einer Organisation, die dem Bau derThiere weit mehr entspricht als dem der Phanerogamen. Das weibliche Organ näiwlieh, Archegonium genannt, schließt ein Keimbläschen ein, während das männliche >Organ, das sogenannte Anthcridium, zahlreiche Samenfäden entwickelt. Diese letzter«stimmen nicht nur in ibrcr Form und Bewegung mit den Spermatozoidcn derThiere auffallend überein, sondern es ist sogar ihr Eindringen zu dem Keimbläschendes weiblichen Archegonium dircct beobachtet und dadurch ihre befruchtende Thätig'kcit außer Zweifel gesetzt worden. ,
Bei den niedrigsten Zellcnkryptogamen (den Algen, Pilzen, Flechten) ließjedoch bis in die neueste Zeit keine Geschlechtsvcrschicdenheit nachweisen; man sah l«Spore» entstehen und keimen, ohne daß eine Befruchtung durch ein anderes i»ä«^lichcs Organ erfoderlicb gewesen wäre. Da entdeckte» im Jahre 1853 zwei a»sgzeichnete französische Beobacht«-, Thurel und Decaisne, daß bei den großenalgen, den braunen Fucaccen, zweierlei Früchte vorkommen: die einen enthalten gA:'unbewegliche Sporen, in den andern entwickeln sich kleine farblose birnförmigepcrchen, welche ganz den Mikrogonidicn der niedern Algen gleichen, durck eine«theil Punkt und zwei lange, eigenthümlich angeordnete Flimmerfaden charaktc««^sind. Bei der Reife dieser Früchte trete» aus den einen die Sporen, aus dc«der» die kleinen Körpcrchen heraus, die sich alsbald sehr lebhaft bewegen u«d^,iden Sporen zu nähern suchen. Brachte man eine Anzahl der einen und derGebilde gleichzeitig auf eine Glasplatte, so drängten sich die kleinen Schw«««^ ,nscharenweis um die Sporen herum, hefteten sich an dieselben an und versetzt^ ve-rasche Drehungen. Nach einiger Zeit gelangten sie zur Ruhe; die Schwärm;^ Epo-wandclten sich in Schlcimtröpfchen, welche wahrscheinlich zum Theil durch s' gxZH-rcn aufgesogen wurden; sobald dies geschehen, waren die Sporen befrucht'. ^ »illrcnd sie bis dahin mcmbranlosc Schleimkugcln gewesen, umgaben sie sich ^»s-einer Zellhaut und keimten in kurzer Zeit zu jungen vielzelligen ^"6^?-vlatttwBrachte man jedoch die Echwarmzellen und die Spore» auf besondere Gla g„dctwsodaß ihre Berührung verhindert ward, so keimten weder die eine», »och