888
Die orientalische Frage.
das türkische Reich al< zum europäischen Gleichgewicht gehörend betrachten wolle;aber keiner von Beiden würde das politische Gleichgewicht selbst, wie Cobdcn thut,als eine Chimäre betrachtet haben. Mit großer Zuversicht spricht Cobdcn ferner dieProphezeiung aus: in 20 Jahren werde das englische Volk allgemein zur Einsichtkommen, daß von Amerika, nicht von Rußland her, die kommerzielle Größe, dernationale Wohlstand Großbritanniens bedroht sei; diese Einsicht werde auch der Re-gierung des Landes ausgenöthigt werden. Daß Cobdcn nun, nachdem er den Ver-druß erleben müssen, daß gerade nach 20 Jahren England im mörderischen Kriegemit Rußland begriffen ist, daß er dennoch an jenen Anschauungen festhält und unbe-kümmert um Misdeutung sie ausspricht, das zeugt von einem Muthe und von ehierlogischen Konsequenz, denen man die Anerkennung, daß sie in tiefer Überzeugungwurzeln, nicht versagen kann, selbst wenn man aus seinem Munde die Frage ver-nommen: „was es denn einen Engländer angehe, wenn die Ostsee wirklich ein rus-sischer Binnensee werden sollte?"
Auf ganz anderm Wege, aus ganz andern Gründen, ist David Urquhart zuder Ansicht gelangt, der jetzige Krieg sei von Seiten Englands ein Krieg „der Un-wissenheit und der Thorheit". Er hält die Türkei für kräftig genug, um Rußlandabzuwehren. Er glaubt nicht an eine Gefahr für das Osmanische Reich, soweit esum russische Waffengewalt sich handelt. Als nach dem Donauübergange die erstentürkischen Siege berichtet wurden, war in England einen Augenblick der Eindruckein ganz erstaunlicher, und Urquhart, hieß es, sei der einzige Mensch, der an dieWahrhaftigkeit der Türken geglaubt. Indessen ist es eine gänzliche Verkennung seinerAnsichten, wenn man meint, er sehe in der Wchrhaftigkeit der Türken die haupt-sächlichste Abwehr russischer Gefahr. Er glaubt an eine Lebensfähigkeit der Türkei,weil er in dem türkischen Verwaltungssystcm einen gesunden Kern,'in den verworrenerscheinenden Formen einen einfachen obersten Grundsatz, in Demjenigen, was dem
europäischen, unbewaffnctcn Auge als Chaos sich darstellt, einen Organismus, in denfür despotisch verschrienen Gewohnheiten ein unverbrüchliches, im Herkommen wur-zelndes, der persönlichen Willkür unantastbares Gesetz entdeckt zu habe» versichert.Er behauptet, in diesen Grundsätzen sei die Möglichkeit des friedlichen Nebeneinander-wohnens von Menschen verschiedener Abstammung und verschiedenen Glaubens imOsmanischcn Reich gegeben. Große Misbräuche leugnet er so wenig, als er die Noth-wendigkeit von Reformen bestreiket; nur daß die letzter» nicht nach der Schabloneabendländischer Begriffe, nicht nach der Parole des constitutionellen Liberalismus an-gelegt, sondern im ursprünglichen Geist des oSmaiüschcn politischen und geselligen Sy-stems entwickelt werden müßten. Sind in dieser Beziehung Misgriffe gemacht, wirdUnverträgliches und Undurchführbares den Bevölkerungen angemuthet, so sieht erdarin die Hand Rußlands thätig. Denn die Gefahr, die von Rußland droht, rührtnicht von den materiellen Mitteln her, über welche das unermeßliche Reich verfügt-Es sind nicht Rußlands Flotten und Heere, sondern es ist seine diplomatische Ein-wirkung auf die Pforte selbst und auf die europäischen Mächte, wodurch der Fort-bestand des Osmanischcn Reichs- in Frage gestellt werden kann. Die Vorstellungvon der Krankheit de§ „kranken Mannes" beruht nicht auf seinem eigenen Bewußt-sein, sondern auf der Aussage der Ärzte. Hat man ihm selbst endlich eingeredet, erkönne ohne Arznei nicht leben, nun, desto schlimmer; wenn von einem Ende Cure-pas zum andern der Ruf ertönt, man muß der Türkei zu Hülfe kommen, sonstsie zugrunde, so wäre es ein Wunder, wenn der Patient nicht einmal allen Ern-stes an sich irrewcrden und sich die Frage, ob er denn in der That so sehr krausei, auswerfen und durch alle die Anstalten zu seiner Rettung i» einer bejahendenAntwort bestärkt würde. Eine Empfindung der Unsicherheit, der Unselbständigke> -ist die unausbleibliche Folge der ängstlich und dringend dargebotenen Stützen un^Krücken. Indem die Erhaltung der Pforte ein Gegenstand der europäischen Für-sorge geworden, scheint das Ziel Rußlands allerdings in weitere Ferne geruck»der Sache nach aber wird der Verfall und Sturz des Reichs, dem man die je