Band 
Zwöflter Band.
Seite
VI
JPEG-Download
 

VI

Schlußwort.

Autoritäten appellirten, diese aufs neue stützten und sich mit ihnen zur Aufrechthaltungder Ruhe und Ordnung, der Grundbedingung jedes staatlichen Lebens, verbündeten.

Der Polizei - und Militärstaat und der monarchische Absolutismus, vor kurzemvon Allen verschmäht und durch Niederlagen entmuthigt, gelangten so rasch wiederzu Ehren, und sie begannen den Kampf gegen die „Demokratie" mehr oder wenigerblutig, doch überall siegreich und entscheidend. Mit -dieser Wendung aber war dieRevolution in allen ihren Elementen verurtheilt. Die Liberalen hatten ihr Ansehenbei den Massen und damit den Nachdruck in ihrem Auftreten gegen die alten Gewal-ten verloren, und letztere, durch den Sieg gestärkt und Herren der Situation, wandtennun ihre Waffen und ihr Gewicht gegen ihren ursprünglichen Feind, gegen die liberalepolitische Reform und deren Träger. Unter heftigem Hader, mit physischen und mora-lischen Zwangsmitteln, auf geraden und krummen Wegen wurden die sogenanntenMärzerrungenschaften, die neuen Verfassungen und Gesetze, die Parlamente, die natio-nalen Probleme u. s. w. beseitigt oder kläglich niedergeworfen. Die Koryphäen desLiberalismus sahen bald überall die politische Tribüne umgestürzt, sich selbst aus denkaum errungenen Regierungssitzen verdrängtj ihre Entwürfe, Maßregeln, Principienund Gesinnungen mit Hohn überschüttet.

In Frankreich, dem Lande der drastischen Entscheidungen, stieg der aufgeklärteDespotismus über den gezügelten Parteien empor; in Italien, wo in der Umwälzungnoch ganz eigenthümliche Elemente und Verhältnisse thätig waren,-blieb die Militär-herrschaft als vorläufiges Resultat zurück, verbunden im Süden des Landes mit derPolitik des bornirten Absolutismus. In Deutschland, dem Lande der Mitte und Ver-mittelung, gelangte man im Allgemeinen nach schwankenden Neuerungsversuchen zurRestauration der vormärzlichen Zustande.

Mit dieser Restauration trat aber in Deutschland eine Partei auf den verlassenenpolitischen Schauplatz, die im Momente des Umsturzes in allen ihren Interessen aufshöchste bedroht gewesen — die Geburtsaristokratie. Zum großen Theil gegen denWillen und die Absicht der eigentlichen Restauratoren, benutzte diese in den obersten Re-gionen stets einflußreiche Partei die politische Abspannung, Lähmung und Vernich-tung ihrer Gegner, und begann mit Eifer eine politische Reaction, die sich im Ver-fassungsleben die Zurkckführung des modernen Constitutionalismus auf das alte Stande-wesen und hiermit auch die Wicderaufrichtung der alten gesellschaftlichen Standes-schranken — mit einem Worte, die Herstellung eines modernen Mittelalters mit neuenPrivilegien, zum Ziel setzte. Mit welchem Erfolge die Partei in solcher-ihr so gün-stigen Zeitlage vorschritt, davon gibt die Verfassungsgeschichke der einzelnen Staatensowie die allgemeine Richtung der deutschen Gesetzgebung in den letzten Jahren nurzu deutliche Beweise. Wie weit aber die rückläufige Bewegung reichen, welche neueVerwickelungen sie herbeiführen, welche Gestalt und welchen Namen die Oppositionannehmen wird, die ihr nach dem natürlichen Laufe der Dinge doch entgegentretenmuß, das ist in diesem Stadium noch nicht zu ersehen.

Neben den Deutschland eigenthümlichen Adelsbestrebungen erstand auch, aus derRevolution unmittelbar Vortheile ziehend, mit neuer Kraft die kirchlich-hierarchischeReaction, nicht nur im Kreise des Katholicismus, sondern selbst im Protestantis-mus. Nach dem Niedergänge der Bewegung wußte sich diese kirchliche Partei überallbei den Machthabern als die Stütze der Autorität und der Throne, als die berufeneHerrscherin über die Geister und Gewissen der Volker Eingang zu verschaffen undunter reactionärer Umbildung der innern Kirchenverhältniffe bedeutende Erweiterungender kirchlichen Rechte und Befugnisse gegen Staat und Gesellschaft durchzusetzen. Wodies nicht gelang oder directer Widerstand eintrat, wurde die Fahne der streitendenKirche rücksichtslos gegen die weltliche Autorität erhoben. Diese politischen Tendenzenund die Wirksamkeit der Partei in der bürgerlichen Gesellschaft, wo confessioneller Hader,Frömmelei und religiöse Überspannung als erste Früchte auftauchten, bewiesen nur allzubald, in welchem schroffsten Gegensatze jene Richtung nicht nur zu den geistigen Strö-mungen, sondern zu allen positiven Interessen der Zeit sich befindet. Die kirchlich-