Band 
Zwöflter Band.
Seite
VIII
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VIII Schlußwort.

eine der allerwichtigsten Aufgaben der Staatsregierungen, die wirchschastliche Thätig-keit aufzumuntern und durch die sorgfältigsten legislativen Maßregeln und Reformenzu stützen. Und wenn uns auch nicht bereits die Wissenschaft zu der Einsicht ver-helfen hätte, daß wir auf diesem Wege, und nur auf ihm, zur Versöhnung zwischenCapital und Arbeit, zur Herstellung des socialen Gleichgewichts am Ende gelangenkönnen, so würde uns doch schon die einfache Betrachtung dieser die edelsten Kräftedes Menschen großziehenden Strebungcn und Eroberungen die Überzeugung aufdrängen,wie hieran nicht blos daS Freibeuterglück des Einzelnen, sondern die Wohlfahrt undder Lebensgenuß Aller geknüpft sein müsse.

Es ist aber anzuerkennen, daß diese so fruchtbare und glückliche Thätigkeit aufdem wirthschaftlichcn Gebiete nur die eine praktische Seite des gewaltigen Culturlebensist, welches die neueste Zeit so groß und eigenthümlich macht: sie hat ihre Wurzelund empfängt ihre innersten Impulse und treibenden Säfte aus der lebendigen undoriginellen Wirksamkeit des reinen Geistes — aus der Wissenschaft unserer Zeit. Dasorganische menschliche Wissen als das innere Band unsers Lebens zeigt freilich keinesolche Sprünge und Cvntraste, solche tief einschneidende Enden und Anfänge auf wiedie sichtbare geschichtliche Wirklichkeit, und die eigentlichen Eestaltungsmomente un-serer Wissenschaft führen, ohne Unterbrechung und Sprung, tief herab in die Ge-schichte eines vielhundertjährigen Geistesleben. Aber es ist gewiß, daß unsere Wissen-schaft ihren eigenthümlichen Charakter gegenwärtig weit schärfer und reiner hervor-treten läßt, als es noch vor kurzem der Fall war. Die abstracten Principien undTheorien, der Scholasticismus, der Apparat der Schule ist mehr und mehr beseitigtworden, und die äußerliche Combination der Thatsachen, der Schematismus, dasfälschlich sogenannte „System" hat sein Ansehen und seine Berechtigung verloren. Da-für aber macht sich eine rastlose und wunderbar energische Strcbung geltend, die Ge-schichte und die Natur in freier und concreter Weise mit eigenen Augen und Waffenaufs. neue aufzufassen und wissenschaftlich ihren ganzen Umfängen nach zu erobern.Diese Arbeit gibt sich kund einmal als kritische Durchforschung und Feststellung dereinzelnen Thatsachen in der Geschichte und als die Explorakion der Natur in allenihren auseinanderfaltenden und heterogenen Erscheinungen und Gebieten. Anderer-seits aber zeigt sich jener Zug in dem rastlosen Bemühen, die gewonnenen Erfah-rungen und festgestellten Thatsachen zur Einheit zusammenzufassen, die Gesetze ihresUrsprungs, ihrer Wirksamkeit nachzuweisen und das Ganze als Organismus zu be-greifen. Der Zufall in der Erscheinung verschwindet, das Gesetz tritt auf, die ein-zelnen Glieder der Wissenschaft gestalten sich zum Ganzen, dessen Mannichfaltigkeitder denkende Geist in ihrer Einheit erfaßt. Man kann dies, wenn man will, alsdie philosophische Wissenschaft bezeichnen; und daß sie vorhanden, daß unsere Wissen-schaft solchen Charakter trägt, zeigt ein Blick auf die neuern Erscheinungen unsererwissenschaftlichen Literatur. Jenes organische Erkennen, jene wahre, innere und äußereUniversalität der wissenschaftlichen Thätigkeit ist es aber auch, welche unsere Wissen-schaft vorzugsweise so geschickt gemacht hat, ihre Gesetze, ihre sogenannten „Erfin-dungen" für das praktische Leben, namentlich für die wirthschaftlichen Interessen infruchtbare Anwendung zu bringen: Geistcsrichkung und Bedürfniß sind sich hier glück-lich entgegengekommen. Und selbst die unmittelbare Seite des geistigen Schaffens,die Kunst, kann den eigenthümlichen Charakter und die Richtung des Zeitgeistes nichtverleugnen. Die geniale Schöpfung, die Offenbarung, das Prophctenkhum ist unsnothwendigerweise, und zwar schon längst in der Poesie wie in allen andern Gebietender Kunst abhandengekommen. Aber dafür entwickeln wir, und in der jüngsten Kunst-und Literaturepoche vorzugsweise, eine wunderbare Fähigkeit, das Kunstleben aller Zeitenund Völker darzulegen, zu reproduciren, die fremde Gestaltung zu genießen, zu begrei-fen und geistig zu verarbeiten, sowie das Talent, das Gegenwärtige in Natur undLeben in realistischer Wirklichkeit künstlerisch wiederzugeben.

Mitten in die ämsigen Culturbestrebungen, denen sich die europäischen Volkernach den innern Wirren Hingaben, brach, nach fast vierzigjährigem Weltfrieden —