66 Die italienische Literatur.
losophie, wieMamiani, nicht wenig bei den politischen Begebenheiten betheiligt waren,oder, wie Gioberti, als Urheber derselben bezeichnet wurden. Genug, die Jesuitenbrachten es mit ihren Angriffen gegen die transscendentale Philosophie dahin, daßdiese immer mehr in Aufnahme kam; denn seitdem sie von Leuten angegriffen wurde,die für Feinde aller Freiheit und für Begünstiger der Tyrannei galten, sah man inihr etwas Großes^ und für das staatliche Wohl Ersprießliches.
Einfluß der transscendentalen Philosophie auf die Rechtswissenschaften und auf die politische
Ökonomie.
Nachdem wir dargethan, wie vom Jahre !830 an die transscendentale Philo-sophie immer mehr die Oberhand gewann, müssen wir jetzt im Einzelnen kennenlernen, welchen Einfluß sie aus die Gestaltung und Umgestaltung aller andern Wissen-schaften ausübte.
Giovanni Battista Vico war der Erste, der in die Staatswiffenschaften wie inalle andern Zweige der moralischen Wissenschaften scheinbar den transscendentalenRationalismus einführte. Wir sagen scheinbar, weil er in der Form, d. h. inder Ausdrucksweise und Methode abstrakter und transscendenter war als in denPrincipien. Diese Principien sind vielmehr ämmer aus der Betrachtung der That-sachen und aus der historischen und materiellen Erfahrung gewonnen, selbst inden scheinbar schwierigsten Fragen des öffentlichen und Privatrechks. Mehr wäreStellini der Mann gewesen, Rechtsfragen abstrack zu behandeln/ wenn nicht, wieoben bemerkt wurde, zu seiner Zeit die Experimentalphilosophie noch die Übermachtüber die transscendentale gehabt hätte, ohne daß seine Autorität und sein Beispieldamals den Umschwung bewirken konnten. Nachdem derselbe in' der neuern Zeitstattgefunden hatte, war Giandomenico Romagnvsi der Erste, welcher die spekulativeRichtung in den Staatswiffenschaften anwandte— ein Mann von großer Gelehrsam-keit, dem das Glück und die Besserung seiner Nebenmenschen aufrichtig am Herzenlag, der aber die Mittel zur Beförderung derselben, vermöge jener speculativen Rich-tung seines Geistes, jenseit der der menschlichen Natur gesteckten Grenzen suchte.Wenn er daher auch nach dem Ruhme strebt, ein Experimcntalphilosoph zu sein, in-dem er die moralischen Wissenschaften auf die Thatsachen zurückführen und aus die-sen selbst die Theorien abzuleiten behauptet, so überschreitet er doch mit seinen haar-scharfen Forschungen nach den sogenannten wahren Grundursachen (cmuss ssssZiw-biii), und seinen Bestrebungen, die Theorien in eine Normalwissenschäft (8oisnra Nor-mals) zu verwandeln, allzu sehr die Grenzen der Experimentalphilosophie. In denUntersuchungen über den Ursprung des Rechts hält sich Romagnosi namentlich vonallen Theorien der deutschen Philosophen fern, und leitet z. B. das Recht zu stra-fen aus der Nothwendigkeit der Vertheidigung her, worin sich die. bürgerliche Gesell-schaft befindet. Indem er selbst aber dann dem metaphysischen Ursprünge diesesRechts aus den Vorschriften eines öffentlichen Gewissens, aus der Genugthuung,aus der sittlichen Ordnung nachforscht, schafft er sich Ausdrucksweisen oder Formeln,die ganz ihm gehören und von der gewöhnlichen Bedeutung durchaus abweichen, ss-daß er sich hierdurch noch mehr von den Experimentalphilosophen entfernt als durchseine Lehren selbst. Nichtsdestoweniger hat Romagnosi das Verdienst, vor allen An-dern in neuerer Zeit die Identität der Moral und der Jurisprudenz wissenschaftlichbegründet zu haben, indem er die Lehren der Schriftsteller des vorigen Jahrhundertswieder aufnahm. Je mehr er infolge der transscendentalen Richtung seines Geistesdie Einzelheiten vernachlässigt, desto länger hält er sich bei Allgemeinheiten auf,und je weniger er auf die erfahrungsmäßigen Bedingungen der Gegenwart achtet,desto mehr ergeht er sich in Conjecturen und-Hypothesen über die Zukunft. Ro-magnosi's juristische Schule machte indessen in Italien Fortschritte und erwarb sichüberall Bewunderer und Anhänger. Unter Denen, welche ihr am meisten angehörtenund ihr als Schriftsteller Ehre machten, sind die Toscaner Fort!, Paolini und Poggizu nennen.