120
Das Herzogthum Braunschweig.
Die Regierung wich indessen nur langsam dem Andränge der Bewegung. Wiesie früher nicht selten der öffentlichen Meinung ihres Landes vorausgewesen seinmochte, glaubte sie jetzt in Tagen stürmischen Vorwärtseilens ohne Gefahr undSchaden einige Schritte hinter ihr zurückbleiben zu dürfen. Die wiederhergestellteBürgergarde foderte zu ihrer Bewaffnung 2000 Flinten; man bot ihr einst-weilen 500 an. Erst zehn Tage nach dem Bittgänge zum Herzog wurde dieCensur beseitigt und der Landtag auf den 25. April einberufen, welchem letzter»im voraus Gesetzentwürfe über Preßfreiheit, Öffentlichkeit der landständischen undder städtischen Verhandlungen, öffentlich-mündliche Rechtspflege mit Schwurgerichten,Mittheilungen über allgemeine Landesbewaffnung und über die Kräftigung des ge-meinsamen Vaterlandes angekündigt wurden. Als man aber darüber murrte, daßin einer so eilfertig handelnden Zeit der 25. April zu weit Hinausliege, wurde am17. März der Zusammentritt des außerordentlichen Landtags auf den letzten Tagdesselben Monats vorgerückt. Am 22. März mußten die Truppen die schwarzroth-goldene Cocarde anlegen. Dasselbe that der Herzog, der zu seinen Umgebungen mitBegeisterung von einem bevorstehenden Nationalkriege, von der Auferstehung des deut-schen Kaisers, von Opfern, die er dem Vaterlande zu bringen,, bereit sein würde, zusprechen pflegte. Es konnte nicht ausbleiben, daß dergleichen Äußerungen in: Vereinmit entsprechenden Handlungen allgemein bekannt wurden und die Beliebtheit des edel-müthigen Fürsten aus den Gipfel erhoben. Am Abend des genannten Tages rücktenviele Tausend Einwohner der Hauptstadt, verstärkt durch viele Gäste von auswärts,mit einer Unzahl verschiedenfarbiger Fahnen in den Schloßhof, geführt vom General-major von Erichsen als Oberbefehlshaber der Truppen und von dem Advocatcn Hol-landt als Chef der Bürgergarde, um „Wilhelm dem Deutschen" ein Lebehoch zubringen. Der Herzog erwiderte mit einem Hoch auf die deutsche Einigkeit. Soweitdiese deutsche Einigkeit die Einigkeit zwischen Fürst und Volk zur Voraussetzung hatte,war sie in „Braunschweig von diesem schönen Tage an besiegelt.
Der Übertritt Braunschwcigs aus dem nordwestdeutschen Sceuerverein in denpreußisch-deutschen Zollverein am 1^ Jan. 1842 hatte, da die bestimmt erwarteteNachfolge Hannovers ausblieb, sowol dem ganzen Lande als namentlich der vonHannover eingeschlossenen schmalen Provinz zwischen Harz und Weser schwere Opferauferlegt. Es war daher kaum zu verwundern, wenn der VLlkcrfrühling dort be-sonders in dem Sinne aufgefaßt wurde, daß er ganz Deutschland zu handelspolitischerEinigung verhelfen müsse. Ohne sich daraus irgendein Gewissen zu machen, zeigteman durch einige handgreifliche Sinnesäußerungen die Richtung der allgemeinenWünsche an. Einwohner des Dorfs Brunkensen zogen am 19. März nach demhannoverischen Städtchen Alfeld, um allerhand steuerpflichtige Waaren einzukaufen,mit denen sie dann im Triumphzuge, von den eingeschüchterten Grenzzollwächternunbehindert, nach Hause zurückkehrten. Einige Tage später gingen die Zollgebäudeauf der ammenser Straße sammt ihren Actenstößen in Flamme» auf. Zu weiter« Ge-waltthaten kam es indessen nicht, und eine herzogliche Bekanntmachung vom 24. März,in der die Aufrechterhaltung der gesetzlichen Ordnung .eingeschärft wurde, verfehltenicht eines guten Eindrucks.
Kurz vor der Märzerhebnng war eine Auffoderung zu patriotischen Beiträgenfür den sogenannten Beseler-Fonds, aus dem der berühmte Vorkämpfer von Schleswig-Holsteins Recht für den Verlust seiner Anwaltspraxis entschädigt werden sollte, durchdie „Braunschwcigischen Anzeigen" verboten worden. Jetzt war nicht mehr zu fürch-ten, daß sogar weit bedenklichere Sammlungen verhindert werden würden. EnergischeAusrufe verlangten daher seit Ende März von der deutschgesinnken Bevölkerung desHerzogthums nicht vergebens, daß sie mit Geld und mit Mannschaft den hartbedräng-ten Brüdern jenseit der Elbe zu Hülfe kommen möge. Schon in der zweiten Wochedes Aprils folgten den Freiwilligen die ersten braunschwcigischen Truppen dorthin,die am 13. April durch eine halbe Batterie Artillerie verstärkt wurden.
Inzwischen war am 2. April der außerordentliche Landtag feierlich eröffnet