Band 
Zwöflter Band.
Seite
253
JPEG-Download
 

253

Deutsche Literatur im Auslande.

Unter den Magyaren.

Manches von den Slawen Gesagte gilt auch von den Ungarn oder den Ma-gyaren, obschon diese unter Begünstigung besonderer Umstände, vorzüglich weil sie bisauf die neuere Zeit doch eine gewisse politische Unabhängigkeit bewahrt hatten unddie primitiven Zustände ihres Volks und Landes ihnen einen ergiebigern und ursprüng-licher« poetischen Nahrungsstoff boten, eine geschlossenere Nationalität bewahrt habenals die Böhmen. Deutsche Elemente sind sibrigens weithin, namentlich in den Städten,über den größten Theil Ungarns zerstreut. Die Krönungsstadt Presburg ist fast ganzdeutsch, und in der Hauptstadt Pesth steht das deutsche Element zum magyarischen soziemlich in ähnlichem Verhältnisse wie in Prag zum czechischen. Auch Pesth besitztein deutsches Theater, eine deutsche Journalistik und deutsche Bildungsanstalten, undgleich an der Ostgrenze schließt sich in Siebenbürgen das Land der Sachsen an, indem sich ein für literarische Bildung empfänglicher urdeutscher Volksstamm in größerergermanischer Ursprünglichkeit erhalten hat, als man dies von vielen Deutschen näheran den Grenzen von Deutschland sagen kann. Nachdem in den letzten Jahren derUltramagyarismus einen Schlag erlitten hat, von dem er sich schwer wieder aufraffendürfte, scheinen sich die Grundlagen für die Ausbreitung und Consolidirung des deut-schen Elements in Ungarn überhaupt noch günstiger zu gestalten, wie sich unter An-derm auch aus der, wie man versichert, in großer Steigerung begriffenen Zahl derAbonnenten deutscher Blätter zu ergeben scheint.

Auch die ungarische Literatur verdankt den Einflüssen der deutschen ihr Bestes;denn erst nachdem sie sich von dem Einfluß der französischen emancipirt und an derdeutschen die Erfahrung gemacht hatte, wie eine Literatur, um etwas Schöpferischeszu leisten, sich an den eigenen Volksgeist wenden und aus nationaler Quelle schöpfenmüsse — erst seitdem hat sie eine eigenthümlichere Physiognomie erhalten und nament-lich im Liede Selbständiges und Eigenartiges geleistet. Zur Zeit der Maria Theresiawaren es besonders junge Männer aus der ungarischen Leibgarde, welche sich inder Poesie versuchten, indem sie französische Muster nachahmten. Gegen Ende desvorigen Jahrhunderts bereits gewann aber die deutsche Literatur überwiegenden Ein-fluß, und bis auf die neueste Zeit wurde Manches von Klopstock, Goethe, Schiller u. s. w.übertragen; namentlich aber scheinen die Magyaren den deutschen Schauspielen undder deutschen Lyrik Geschmack abgewonnen zu haben. Wie in andern Ländern ent-spann sich nun auch in Ungarn ein Kampf zwischen der ältern und neuern Rich-tung, in welchem zuletzt diese die Oberhand behielt. Als eigentlicher Begründer undVorkämpfer der letzter» gilt Kazinczy (geb. 1759, gest. 1831). Durch diesen An-schluß an die Deutschen gewann der Vers eine Mannichfaltigkeit der Formen undder Ausdruck eine Fügsamkeit, deren außerdem vielleicht nur die deutsche Sprachefähig ist. Namentlich entfaltete sich die Lyrik nach deutschen Vorbildern. Vörös-marty verräth in seinen Dichtungen Spuren deutschen Einflusses, Kölcsey und Bajza,welche Beide zu den bedeutendsten Lyrikern gehören, haben sich vorzüglich nach demMuster Goethe's, Alexander Kisfaludy, als Tragödiendichter, nach Schiller gebildet,während in seine berühmte Dichtung „Uimkv srsrelmsi" („Himfy's Liebe") Werther'-sche Motive aufgenommen sind. Dessen Bruder, Karl Kisfaludy, der als Begründerdes ungarischen Lustspiels gilt, hielt sich vorzugsweise an Kotzebue'sche und Jffland'-sche Modelle; Jösika bildete sich als Romanschriftsteller sowol nach englischem (Wal-ter Scott'schem) als deutschem Muster. Er wie viele Andere wissen auch ein gutesDeutsch zu schreiben, so F. Pulszky, Baron Joseph Eötvös, ein trefflicher Romanschrift-steller und eigenthümlicher Denker von deutscher Tiefe, der sein an interessanten Gesichts-punkten reiches Werk: „Der Einfluß der herrschenden Ideen des 19. Jahrhunderts aufden Staat", selbst aus dem Ungarischen ins Deutsche übersetzte, Bakody, welcher in deut-scher Sprache dichtet, Kcrtbeny, der die lyrischen Dichter ins Deutsche übertrug, GrafMailath, namentlich als Geschichtschreiber wie durch sein tragisches Ende in Mün-chen bekannt, der wol nur deutsch dichtete und schrieb, der edle, in Voraussehung desNakionalunglücks, welches die Losreißung Ungarns von Östreich zur Folge hatte, in