Deutsche Literatur im Auslande. 271
leuten die Kenntniß der „Briese eines Verstorbenen" von Pücklcr-Muskau und derRaumer'schen Darstellung von „England im Jahre 1835", und gab im Jahre1854 eine Schrift heraus: „Osrwan^ lrom 1760 to 1814", worin sie auf diepolitischen Bewegungen Deutschlands tiefer eingeht und ihm, vermöge seiner In-telligenz, eine bedeutende Zukunft auch in politischer Hinsicht verspricht. Miß MaryHowitt schrieb außer Anderm ein sehr liebenswürdiges Buch: „4n art stuüsntm Uunivll", und Catherine Wmkwvrth, die schon früher in Gemeinschaft mit demErzdechanten Hare ein Buch über Luther versaßt hatte, wandte besonders dem deut-schen Kirchenliede ihr Studium zu und ließ 1855 unter dem Titel „I^rs Osrmmüos"eine sehr gelungene rhythmische Übertragung der vorzüglichsten deutschen Kirchenliedererscheinen, welche der englischen Kritik Anlaß wurde, zu behaupten, daß sich keinanderes Land eines solchen kostbaren, Schatzes schöner geistlicher Gesänge rühmenkönne als Deutschland. Auch an der Übersetzung von Waagen's Werk über die Kunst-schätze in England arbeitete eine Frau mit, die Gattin des Malers Charles Eastlakein Gemeinschaft mit ihrem Manne.
Weniger als mit der neudeutschen Lyrik beschäftigen sich die Engländer mitdem neuern deutschen Drama. Woran dies eigentlich liegt, ist schwer zu sagen, daja die englischen Theaterdichter früher nicht verschmähten, selbst Kotzebue und Jfflandweidlich zu plündern, und da es mit ihrer eigenen dramatischen Poesie gegenwärtigsehr ärmlich bestellt ist. Die englische Bühne lebt zur Zeit — mit Ausnahme dereigentlichen Volkstheater — zum größten Theil wie die deutsche vom Abhub de.rfranzösischen Theaterpoesie,-worüber das „ Ballens sum" gelegentlich bittere Klage ge-führt hat. Werner, Heinrich von Kleist, Müllner, Raupach, Zedlitz, Laube, Frcy-tag, Moscnthal, Hebbel, Otto Ludwig, Bauernfeld, Benedix u. s. w. sind denEngländern kaum, und selbst den eifrigsten Kennern der Literatur vielleicht nurdem Namen nach bekannt. Indessen verdient erwähnt zu werden, daß sogar Rau-pach im Jahre 1838 von dem „llüinburgk rsvisev" recht günstig beurtheilt wurde,und daß das große Aufsehen, welches der „Fechter von Ravenna" in Deutschlanderregte, auch den englischen Blättern nicht entging. Auf Grillparzer wurde die Auf-merksamkeit durch Byron gelenkt, der, nachdem er Grillparzer's „Sappho" in eineritalienischen Übersetzung gelesen, in einem Schreiben an Moore dieses Trauerspiel„supsrd" genannt hatte. Diesem Ausspruch verdankt man es vielleicht, daß dieGrillparzer'sche „Sappho," 1854 rhythmisch ins Englische übersetzt und nach dieserals trefflich gerühmten Übersetzung vom „Ollio" außerordentlich günstig besprochenworden ist. Minder scheint in England Ohlenschläge;'s von Theodor Martin über-setzter „Correggio" anzusprechen. Auch von Friedrich Halm's „Griseldis" hat maneine gelungene englische Übertragung von Anstruther, und selbst eine vom „Sohnder Wildniß". Eine Bearbeitung von Hackländer's Lustspiel „Der geheime Agent"wurde im Jahre 1854 nicht ohne Beifall auf einer londoner Bühne aufgeführt, dochscheint ihr nur eine Inhaltsangabe, die ein englisches Blatt gebracht hatte, zugrundegelegt worden zu sein. Einem Trauerspiel von der verstorbenen Mary Russell Mil-ford: „Otto ok Mttslsbsok", scheint, was wenigstens die Handlung betrifft, das be-kannte Stück von Babo zur Vorlage gedient zu haben.
Besonders verdient hervorgehoben zu werden, daß durch den Einfluß des Goethe'-schen „Faust" und dann auch anderer deutscher Dichtungen auch in England einemetaphysische Richtung im Drama und zum Theil selbst im Roman hervorgerufenwurde. Dieser Einfluß machte sich schon bei Shelley bemerkbar und ist noch deut-licher in Byron's „Manfred" und „Kam". Byron verstand zwar unsers Wissensnicht deutsch, schöpfte aber seine Kenntniß der deutschen Poesie aus Übersetzungenund verehrte namentlich Goethe, dem er „als einer seiner demüthigsten Bewunderer"sein Drama „Werner" widmete. Mary Godwin, Shelley's spätere Frau, schrieb inderselben Weise ihren „Frankenstein oder der neue Faust", und auch Bailey's „Festus"ist eine Art Faust; dieselbe deutsch-metaphysische Richtung spiegelt sich in seiner letz-ten Produktion: „lüs m^stio, sn4 otüsr posws." Auch noch andere Dichter könn-