Band 
Zwöflter Band.
Seite
462
JPEG-Download
 

462

Die Medicin.

aber durch seinen Hinweis auf die Arzneiwirkungen, wenn auch nicht allein, Ver-anlassung zu einer Revision der Pharmokodynamik gegeben. Von Einfluß mag auchdas bis ins Unendliche Individualisiren der Homöopathie gewesen sein, da hierdurchdie Schärfe der Krankheitsbilder gewann und die Jndicationen gleichzeitig bestimm-ter gestellt werden konnten. Vor allem aber hat die Homöopathie durch Verein-fachung der Therapie genutzt. Hahnemann erklärte nicht mehr als ein Mittel aufeinmal geben zu dürfen, und zog derb zu Felde gegen die frühern gewiß häufig un-nöthig den Kranken schwächenden Methoden des Ausleerens, Ableitens, Reizens u. f. w.Dies ist auch von allen bessern Ärzten der „ältern Schule" anerkannt worden; undunserer Ansicht nach liegt schon in solchem Anerkennen des Guten auch an einer feind-lich, grob und unduldsam auftretenden Richtung die moralische wie wissenschaftlicheÜberlegenheit der wissenschaftlichen Medicin.

Mit der Hahnemann'schen Lehre verwandt und besonders in der Verachtung derAnatomie und Physiologie mit ihr übereinkommend, muß noch mit wenigen Wortender Lehre Nademacher's gedacht werden. Rademacher unterscheidet sich nur dadurch vo»Hahnemann, daß er nicht Alles negirt, sondern im Gegentheil aufParacelsus zurück-kommt und die „Erfahrungsheillehre der alten scheidekundigen Eeheimärzte" als dasHöchste hinstellt. Rademacher ist reiner Empiriker, gelangt aber nicht zu Resultaten,welche als solche zn brauchen waren, sondern die erst eines mystischen Kleides enthülltwerden müssen. Nach echt alchemischer Weise stehen die Organe unter dem Einflüssevon Metallen, Krankheiten sind Metallaffectionen, d. h. werden durch solche geheilt,welche für das Organ herrschen. Und wenn auch nicht gerade die astrologischenHäuser erwähnt werden, so ist doch sein ganzes System voll von alchemischem undastrologischem Spuk. Daß auch Rademacher Anhänger fand, wer wird sich dar-über wundern, welcher nur einigermaßen weiß, was heutzutage dazu gehört, den fürein verständiges Heilen nöthigen Unterbau wissenschaftlichen Grundwerks sich anzu-eignen! Wie Hahnemann's so läßt sich Nademacher's Auftreten geschichtlich vielleichtaus dem Bestreben der Zeit erklären, für einmal sich aller Theorien einschlagend,die Fortschritte der Nebenwissenschasten abzuwarten, um später die mittlerweile un-parteiisch gesammelten Erfahrungen nutzbar zu machen. Beide haben aber ihrenZweck dadurch verfehlt, daß sie eben nicht ganz unparteiisch zuwerke gingen. IhreNachfolger können Manches gutmachen, nur dürfen sie sich nicht den Boden unterihren Füßen selbst wegziehen, was beiden Richtungen leider sehr nahe liegt.

Wir haben bisjetzt von der Medicin im Allgemeinen gehandelt, und hoffen vonden wichtigsten Erscheinungen keine übersehen zu haben. Für die heutige Medicin istaber die Stellung und Entwickelung gewisser Theile derselben zu bezeichnend, alsdaß wir deren nicht noch kurz gedenken sollten. Wenn wir hätten tiefer eingehensollen als in der vorliegenden Skizze, so müßten wir nicht blos die Erscheinungennoch einzelner ausführen, sondern vor allem die Krankheitsformen einzeln durchgehen.Leicht würde hierdurch aber das Gesammtbild uns selbst undeutlich geworden sein.Wir begnügen uns daher in Folgendem nur noch die Entwickelung der Psychiatrie,die Stellung der Chirurgie, Geburtshülfe und die Entwickelung, der Staatsarznei-kunde kurz zu bezeichnen.

Entwickelung der Psychiatrie.

Wie es verhältnißmäßig lange gedauert hat, die Lehre vom geistigen Leben desMenschen, aller mystischen Fesseln entkleidet, an der Hand einer geläuterten Methodezu einer wenn auch speculativen Wissenschaft zu erheben, so hat auch die Lehre vonden Geisteskrankheiten sich in einer sehr neuen Zeit erst als integrirender Theil derHeilkunde zu entwickeln begonnen. Wie üherall zeichnet sich das Alterthum durcheine ungetrübte Aufnahme der sie umgebenden Natur, durch ein poetisches Beziehenalles Wunderbaren aus Gottheiten und deren innige Beziehungen zum menschlichenLeben aus. Auch hier finden wir im Mittelalter während des Verfalls ^alles wissen-schaftlichen Lebens und der Blüte aller der Künste, durch welche der mönchische Ob-