Das Gold. 589
eine Preissteigerung hätte eintreten muffen. Im lchtern Falle würde das Gleichbleibenoder Sinken von Preisen als Ausnahme und im Allgemeinen eine Werthverringerungdes Goldes und dadurch herbeigeführte Steigerung der Preise anzunehmen sein.
Fragen wir, welche besondere Ursachen und Umstände im Laufe der letztver-flossenen Jahre auf die Preissteigerung einer großen Anzahl wichtiger Artikel einenmehr oder minder bedeutenden Einfluß geäußert haben müssen, so dürfte vornehmlichFolgendes hervorzuheben sein: Durch die Aufhebung der britischen Korngesetze undder frühern Einfuhrverbote oder hohen Eingangsabgaben von manchen Consumtions-artikeln in England ist natürlich eine gewisse Ausgleichung mancher Preisvcrhältnisseentstanden; die Preise von Korn, Fleisch, Butter u. s. w. haben sich verhältnismäßigin England seitdem niedriger gestellt, in andern Ländern dagegen höher. Durch diegroßen Transporte von Cerealien, durch die plötzlichen lebhaften Handelsbeziehungenzu Californien und Australien, durch die Auswandererverschiffungen sind die Frach-ten zeitweilig sehr hoch geworden, was auf die Preise voluminöser Artikel nichtohne Rückwirkung bleiben konnte. Mehre ungünstige Ernten in größern Theile»Europas haben die Preise landwirthschaftlicher Erzeugnisse bedeutend in die Höhegetrieben. Die im südlichen Europa in den letzten Jahren allgemein verbreiteteTraubenkrankheit mußte natürlich die Preise von Wein, Branntwein, Korinthen undRosinen bedeutend steigern. Die Kriegszustände der beiden letzten Jahre mußtendurch vermehrte Nachfrage auf eine Preissteigerung der zur Kriegführung dienendenArtikel und die Blockade'der russischen Hafen auf eine Preiserhöhung der haupt-sächlichen russischen Ausfuhrartikel wesentlich einwirken.
Vergegenwärtigt man sich den zusammenwirkenden Einfluß der eben angedeutetenFactoren einer Preissteigerung vieler wichtiger Artikel und untersucht hiernach dievorstehende Preisliste, so wird man finden, daß bei fast allen Artikeln, bei denendie Jahre 1854 und 1855, im Vergleiche mit dem Durchschnitte der beiden Jahrzchnde1831—40 und 1841—50, namhaft höhere Preise ausweisen, sich dies aus spe-ciellen Ursachen oder Umständen erklären läßt, ohne daß man dieselben ganz vor-wiegend auf die vermehrte Goldproduction (oder, wie auch mehrfach hervorgehoben,auf die Zunahme der Papiergeldcirculation) zurückführt. Denn welche Artikel habenhauptsächlich eine Preissteigerung erfahren? Getreide und Saat aller Art, Fleischund Milchproducte, Wein, Korinthen und Rosinen, Blei, Salpeter, Theer u. s. w.Dagegen haben keine wesentliche oder auch gar keine Preiserhöhung erfahren, odersind sogar mehr oder minder im Preise gesunken: Wolle, Seide, Baumwolle undTwist, Leinen, Felle, Blauholz und Indigo, Zucker, Kaffee, Thee, Taback und Reis,Heringe und Salz.
Hätte die Vermehrung des circulirenden Mediums eine Werthverringerung desGoldes — oder, was Dasselbe, eine generelle Steigerung der Preise — verursacht,so müßte selbstverständlich bei allen zuletzt genannten und noch manchen andernArtikeln speciell nachzuweisen sein, warum gerade bei ihnen eine wesentliche Preis-erhöhung unterblieben sei. Bei einzelnen Artikeln, das wollen wir keineswegs inAbrede stellen, ließe sich vielleicht in veränderten Verhältnissen der Produktion undConsumtion, des Angebots und der Nachfrage eine Erklärung der Werthverringerunggeben, allein, im Ganzen genommen, wird der Nachweis besonderer Ursachen undUmstände viel leichter und einleuchtender sein für die Preissteigerung der Artikel derersten Kategorie als für die Gleichmäßigkeit oder Verringerung des Werths derübrigen Artikel. Auch ist nicht außer Acht zu lassen, daß die große Vermehrungdes sictiven Capitals in Staatsschuldscheinen und dergleichen Papieren ganz natürlichdie Tendenz haben muß, den Werth des Grundeigenthums und was damit zusammen-hängt, dessen Menge eine gegebene, nicht willkürlich auszudehnende ist, zu steigern,bis durch Übertreibung bei den zuerst gedachten Werthen eine Reaction eintritt.Wir glauben hiernach mit einiger Zuversicht die Ansicht aussprechen zu dürfen, daßeine wesentliche Einwirkung der vermehrten Goldproduction auf eine allgemeineSteigerung der Preise bisjetzt noch nicht nachweisbar sei.