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Die bildenden Künste.
Waiblinger's „Blauer Grotte", vor allem seine Illustrationen des Vaterunser offenbar-ten eine lebendige Phantasie, eine frische Auffassung, einen Gedankenreichthum undeinen feinen Sinn für Linien und Verhältnisse, die das Höchste verhieß. Die Er-füllung dieser Verheißungen blieb aus. Mit Ausnahme einzelner Zeichnungen, diean die altdeutsche Weise mahnen, wie z. B. der Traum. Joseph's von Petrak ge-stochen, erregen seine spätern Werke entweder eine widersprechende Empfindung, indemdie ursprüngliche Schönheit des Motivs durch die Mattigkeit des Ausdrucks und Roheitder Darstellung verzerrt wird (Pietä, gestochen von Petrak; Menschwerdung Christi,lithographirt von Becher und Andern), oder veranlassen, wie seine Präger und wienerFresken, geradezu Langeweile. Daß aus seiner Schule die oberflächlichsten Schnell-maler der Gegenwart hervorgehen konnten, deren Malweise an den neugriechischenKunstmcchanismus erinnert, spricht nicht zu Gunsten des Meisters.
Wir haben uns mit der Anführung zahlreicher Mittelmäßigkeiten, die in diesemKreise wirken, nicht aufhalten wollen. Es genügt, um über die Vorzüge und Man-gel der Richtung belehrt zu werden, die Kenntniß der hervorragendsten Meister, welchewahrlich die Vergleichung mit den Hauptvertreteru anderer Anschauungskreise nichtzu scheuen brauchen, und die noch Bedeutenderes leisten würden, könnten sie stetsdie nüchterne Reflexion, das eitle Spiel mit symbolischer Gelehrsamkeit von sich fern-halten. Der Mangel an Originalität bildet den gewöhnlichen Vorwurf gegen die-selben, trifft aber in Wahrheit am wenigsten. Ehe über das unverhohlene Nückwärts-schauen der Nazarener abgeurtheilt wird, müßte die Fähigkeit der Gegenwart zu ori-ginellen religiösen Kunstschöpfungen bewiesen werden. Es wurde nun zwar versucht, >religiösen Darstellungen den Reiz der Neuheit dadurch zu verleihen, daß man sie instrenger Localfarbe ausführte, das orientalisch-jüdische Element hervorhobst aber aufdiese Art ging nothwendig der religiöse Charakter verloren. Gibt man einmal zu,daß die katholische Weltanschauung in der Zeit vom 13. bis zum 15. Jahrhundertihre glücklichste und vollendete Verkörperung feierte — und darin einigen sich Freundeund Feinde —, so kann man es auch nicht tadeln, daß die Versuche ihrer künst-lerischen Wiederbelebung auf die Bilduugsformen jener Jahrhunderte zurückgehen. Ja,die sogenannten Nazarener sollen und müssen ihre Anschauungen und ihre Begeisterungaus dieser Zeit holen; sie sollen es aber ganz und vollständig thun, auch nicht durchOpposition und polemisches Auftreten gegen die andersgesinnte Gegenwart merkenlassen, daß sie von dem Geiste dieser berührt werden und die von ihnen gepflegte An-schauungsweise keine unbedingte Weltmacht besitzt. Darin liegt ihr Hauptmangel, daßsie die naive Unbefangenheit nicht immer wahren; wo sie blos Empfindungen anregensollten, Vorstellungen bekämpfen, ein lehrhaftes Element in die Kunst mischen undsich anstellen, als ob sie die Welt zu ihrem Glauben erst bekehren müßten. „DieBekehrung der Welt muß für sie als Voraussetzung gelten, sie müssen in der Über-zeugung sich erhalten, das Mittelalter bestehe noch zu Recht, seine modernen Gegen-sätze seien noch weniger als flüchtiger Schein, ein reines Nichts, mit dem sich diePhantasie des Künstlers gar nicht beschäftigen darf. Wenn diese Bedingungen nichtimmer erfüllt werden, so liegt die Schuld freilich weniger in dem persönlichen Wollendes Künstlers als in der unabänderlichen Sachlage. Die religiöse Kunstrichtung ge-bietet über beneidenswerthe Vorzüge. Ihre Motive sind allgemein«bekannt, die Auf-merksamkeit des Beschauers wird nicht durch das mühsame Studium des Stoffs vonder künstlerischen Darstellung abgelenkt; jene sind ferner durch viclhundertjährige»Gebrauch abgeschliffen, alle störenden Ecken von den Vorfahren bereits entfernt wor-den. Die Fülle fester, künstlerisch wirksamer Typen, die hier vorliegt, erspart demKünstler mannichfache Vorarbeiten und gestattet ihm, unmittelbar an das äußereFormen und Gestalten zu schreiten. Aber freilich er muß auf der andern Seite sichdurch künstliche Schranken schützen, um sich seine Welt vor sündhaften Berührungenrein zu erhalten; das Bewußtsein, daß dieselbe bereits einmal einer andern Kunst-weise weichen mußte, macht ihn ängstlich und befangen und raubt ihm die rechteThatkraft. Zur schüchternen und beinahe widerwilligen Anwendung der Naturformen