^ Die bildenden Künste. 713
und ungekünstelt genug, sind die einzigen in der Gegenwart, welchen sich die Liebe
> und das Verständniß des Volks zugewendet hat. Die von ihm und seinen Freun-den ausgeführten Fresken in der Apollinariskirche müssen als das Hauptwerk der
l monumentalen Kunst, welches die hüsseldorfer Schule geschaffen, genannt werden.
s Einzelne Motive in dem Bilde der Kreuzigung, die würdig und ernst gehaltenen Ge-
stalten in der Apsis, die Darstellung der Verkündigung, dürfen sich den besten Wer-
> ken der modernen Kunst anreihen; die malerische Ausführung überragt sowol die
ältern wie die jungem Münchener Fresken. Während jene matt und bleich, diesewieder schwer und dumpf in der Farbe erscheinen, erfreuen die Wandgemälde aufdem Apollinarisberge durch den Glanz und die, Tiefe des Colorits, ohne das Maßder Freskomalerei zu überschreiten und mit der Ölmalerei thöricht wetteifern zu wol-len. Aber sie leiden an dem größten Übel, an welchem die monumentale und ganzbesonders die monumental-religiöse Malerei leiden kann: sie unterordnen sich nicht derArchitektur, sie scheinen von der Anmaßung getragen'zu werden, der Wandschmucksei die Hauptsache und die Architektur nur das Gerüste des Malers, und ermüdenwegen der mangelnden Übersichtlichkeit rasch das Auge des Beschauers. Die Dis-ciplin, welche die Münchener Frescomaler auszeichnet, ist in Düsseldorf nicht zu fin-den. Man merkt, daß die rheinische Kunstschule als eine bloße Malerschule sich ent-wickelt hat, welcher der Sinn für die Wechselwirkung der bildenden Künste nichtaufgegangen ist, und die Vortheile, welche der Bund aller Künste untereinander ge-währt, unbekannt bleiben. Trotz dieses düffeldorfer Stempels gilt jedoch Deger undseine Freunde in den Augen des größern Publikums nicht als echter Vertreter derSchule: namentlich in der frühern Periode trat die religiöse Richtung gegen die
> glänzende Wirksamkeit dreier Männer: Bendemann, Sohn und Hildebrandt, voll-
> kommen zurück. Diese Männer waren es, welche den Ruhm Düsseldorfs durch
> Deutschland verbreiteten, deren Blütezeit auch die Blüte der Schule überhaupt bildet.
Von dem Enthusiasmus, mit welchem Bendemann's Elegien, Sohn's reizendeweibliche Gestalten, Hildebrandt's Kinder und männliche Porträts begrüßt wurden, hatdas jüngere Geschlecht kaum noch eine Ahnung. Unsere habituelle Verdrossenheit, derUnglaube an uns und unsere Kraft, vielleicht auch das Gefühl wiederholter früherer
Täuschungen vergällen uns gegenwärtig den Genuß auch der vollendetsten Werke.
! Können wir keinen Fehler an ihnen selbst aufspüren, so grübeln wir wenigstens, wo-hin ihre Nacheiferung führen, welche schlimmen Folgen es haben könnte, wenn sie,als Musterbilder aufgestellt, die allgemeine Richtung der Kunst bestimmten. Sehen
> wir irgendwo endlich einmal eine wahre Farbenpoesie, stehen wir vor einem Bilde,
dessen technische Durchführung uns entzückt, gleich beschlcicht uns die Sorge, eskönne das bloße Handwerk über das Künstlerische die Oberhand gewinnen; wagt ein-mal ein Künstler, die Gestalt eines Todten in sein Gemälde einzuführen, sofortschwebt uns das Gespenst eines „Cadavercultus" in der Kunst vor den Augen, undwir glauben, alle Künstler werden nur im Theater der Porte St.-Martin ihre Mo-tive und Anregungen holen. In den dreißiger Jahren kam den Künstlern eine gün-stigere Stimmung entgegen. Die Begeisterung setzte sich weite Grenzen und schoß
lieber über das Ziel hinaus, als daß sie es an der völligen Anerkennung hätte feh-
len lassen: wir hatten damals für alle Vorzüge das Auge doppelt weit offen, schlös-sen es dagegen gutmüthig vor jedem Mangel. Wenn wir nun auch in Bendemann,^r in so mancher Beziehung an Felix Mendelssohn erinnert, nicht Michel Angelo'sGroße wiederfinden, und Sohn's Carnation uns nicht mehr Tizian'schen Farben-
schmelz in das Gedächtniß zurückruft: so bleibt uns dennoch der Enthusiasmus, derchre Leistungen aufnahm, keineswegs unerklärlich. Sie sprachen eine allgemein ver-ständliche Sprache, appellirten unmittelbar an die Empfindung, und, was das Wich-ügste war, sie verschmähten nicht, auch auf das Auge zu wirken und der äußer»b-rschemung ihr volles Recht angedeihen zu lassen. Wir sind in der Hinsicht seitder genauern Kenntniß der belgischen und französischen Malerei arg verwöhnt und
urch die Anschauung zahlreicher technisch vollendeter Werke gleichgültig geworden;