816 Die orientalische Frage.
dem wiener Cabinet gegenüber als einen so dringenden darstellt, in der Wirklichkeitnicht ganz zu verleugnen, greift man nach einer halben Maßregel. Man thut esim Bewußtsein, daß es eine halbe Maßregel ist. Vergennes hat (18. Juni 1783)die Krim und den Kuban als. Provinzen bezeichnet, deren Lage, in Bezug aus Kon-stantinopel, zu' den allerdrohendsten (äss plus msimgsntss) gehört. Noch mehr.Zwei Tage später sagt Vergennes in einem Schreiben an den Gesandten in London:„Hat Rußland einmal auf der Krim und sozusagen im Angesicht von Konstanti-nopel festen Fuß gefaßt, so wird es diese Hauptstadt in beständiger Angst erhaltenund die Mittel vorbereiten, um bei der ersten günstigen Gelegenheit derselben sich zubemächtigen." Diese Provinzen will man Rußland lassen; man will Rußland ihrennoch nichts weniger als unbestrittenen Besitz zusichern (s8sursr); man will sich. be-gnügen mit einem Versprechen, der Besitz solle nicht misbraucht werden. Ist es heutedenn anders? Man mag einen Ölzweig in eine Wiege legen; aber traut man diesemÖlzweig die Zauberkraft zu, daß er in der Ferne für alle Folgezeit eine starke Handdavon, zurückhalte, den Dreizack wieder zu fassen, der dem Besitzer jener Küsten un-gcsucht sich darbietet? Nachdem man sich erschöpft (auch 1783 war das geschehen)in Vorwürfen über Rußlands rastlose Begehrlichkeit, erwartet man, diese Machtwerde in mehr als menschlicher Entsagung auf den Gebrauch der natürlichen Vor-theile jener Provinzen verzichten!
England und Rußland.
Die Präliminarien von Versailles sind am 20. Jan., der Definitivsriedezwischen Großbritannien und Frankreich ist erst am 3. Sept. 1783 geschlossen.In der Zwischenzeit, am 21. Mai schon, erging eine Weisung von Vergennes anAdhe'mar, den französischen Gesandten in London: in Bezug auf die sehr . engeEinigung Rußlands und Östreichs, von welchen die letztere Macht nur die Form- etwas mehr als die erstere bei der Beraubung des osmanischen Reichs beobachtenwerde, möge es gut sein, mit Fox (dem neuen Minister des Auswärtigen) zu sprechen,ohne sich jedoch den Anschein zu geben, als wolle man ihn anstacheln. Sollte esaber möglich sein, eine gleichförmige Sprache der beiden Höfe zu vereinbaren, sowürde der Einfluß zweier so großer Mächte von Wirkung sein. Man sieht, wierichtig Sir James Harris geurtheilt, wenn er (12. Oct. 1782) schrieb: „Unmöglichkann die Kaiserin aufrichtig den Frieden zwischen uns und unsern Feinden wünschen,denn der Erfolg ihrer östlichen Entwürfe hängt nothwendig davon ab, daß das HauSBourbon genugsam mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt sei", und wiederum(II.Febr. 1783): „Die Kaiserin und ihre Minister haben sicherlich keine Freude ander Herstellung des Friedens." Nur in einem Stücke hatte Katharina sich unzeitigeBesorgnisse gemacht. Sie fürchtete, ihr guter Freund Fox werde weniger Whig undmehr Staatsmann sein, als es der Fall war. Frankreich hörte nicht auf zu rufen.Aber es war ein Ruf des Predigers in der Wüste. Namentlich in England, vondessen Zusammenwirken Frankreich so Großes sich versprach, mit dem es im Hinblickauf den Osten den Frieden beschleunigte, in England war weder Stimme noch Antwort.
Die englische Politik jener Tage, Rußland gegenüber, ist an einem andern Orte(in der „Deutschen Vierteljahrschrift", Juli 1855, S. 306 fg.) nach den Denkwürdig-keiten von Lord Malmesbury (Sir James Harris) und Fox ausführlicher von unsdargelegt worden. Es kann hier nur darauf ankommen, das Bewußtsein der eigenenbedrängten Lage und die fast verzweifelten Versuche Englands, das zur Abwehr dieserBedrängniß sich an Rußland drängte, zur Anschauung zu bringen.
England war durch den Kamps mit seinen aufständischen Colonien in Anspruchgenommen, und gleichzeitig durch den Familienpact der beiden bourbonischen Häuserin Frankreich und Spanien schwer bedroht. Ein Schutz- und Trutzbündniß mit Ruß-land, das Sir James Harris 1778 suchen sollte, ward abgelehnt, und man mußtenoch. die Zurechtweisung hinnehmen, Rußland sei nur gewohnt, Schutzbündnisse zuschließen; der Name eines Bundes zum Angriffe widerstrebe der Kaiserin. Sir