818 Die orientalische Frage.
der Ideen, die Einsicht und der Einfluß der Vertreter der materiellen Interessen in ^
allen Ländern, auch in England selbst, und, vergessen wir nicht, nächst dem beharr-lichen Willen des französischen Verbündeten, die unzweideutige Haltung der Amerikanerihre Anerkennung in früher kaum geträumtem Umfang dem englischen Cabinet iabgerungen.
Katharina wußte nicht was sie that. Man würde vergebens, wie man frühergethan, den Ursprung der bewaffneten Neutralität in preußischen Eingebungen suchen.
Es ist an dem oben angeführten Orte von uns wahrscheinlich gemacht worden, daßDemjenigen, den Harris neben Woronzvw namhaft macht, dem russischen GeneralconsulSt.-Paul in Hamburg, die Ideen von Johann Georg Büsch nicht fremd gewesen,und daß sie auf den der Kaiserin hingegebenen Plan nicht ohne Einfluß geblieben.
Es war aber verzeihlich, wenn Katharina nicht ahnte, daß England durch die Er-klärung (deren Tragweite sie allerdings zu ermessen nicht vorbereitet war) so sehrpeinlich berührt werden könnte. Denn in Bezug auf russische Schiffe hatte Englandzum Theil durch beruhigende Erklärungen, hauptsächlich aber factisch, durch Ver-schließen der Augen gegen die Operationen russischer Schiffe (wenn solche überhauptaußerhalb der Ostsee erschienen, was selten der Fall war) eben Dasjenige eingeräumt,was nur grundsätzlich.für alle neutralen Flaggen von Rußland begehrt wurde.
England hütet sich auch gar sehr, eine Empfindlichkeit blicken zu lassen. Viel-mehr ist ein Ministerium nach dem andern bereit, den Launen und Wünschen der jKaiserin eine Hekatombe und noch eine darzubringen.
„Gibt es nicht", fragt Lord Stormont (28. Oct. 1780), „irgendeinen Gegenstand,des Ehrgeizes der Kaiserin werth, irgendeine Abtretung, die, ihrem Handel und ihrerSeemacht förderlich, sie bewegen könnte, mit allen Kräften gegen Frankreich, Spanienund unsere rebellischen Colonien uns Beistand zu leisten?" Potemkin weiß einen solchenGegenstand zu nennen: es ist die Insel Minorca. „Wenn wir einmal Opfer bringen 'sollen, dann lieber doch unsern Freunden als unsern Feinden." Minorca wird der !Kaiserin angeboten (im Februar 1781): vergebens. Harris fängt an zu glauben,Katharina's Jugendmuth, die Stunde der kühnen Entschließungen, sei für sie vor-übergegangen.
Sehr möglich. Indessen, wer weiß, wenn man ihr hätte Konstantinopel er-obern helfen?
Ganz soweit — man muß es eingestehen — ging Englands Bereitwilligkeit nicht.
Fox hat außerdem genug zu verantworten.
Am Tage, nachdem Fox ins Ministerium getreten (28. März 1782), ward in jeinem Cabinetsrathe beschlossen, der russischen Regierung die Anzeige zu machen,man sei aus Rücksicht auf Rußlands Wunsch bereit, mit den Holländern aus der von ^
Rußland aufgestellten Grundlage zu unterhandeln. Einige Monate später ist Englandbereit, ganz und gar auf die Ideen der Kaiserin einzugehen und die Grundsätze der I
bewaffneten Neutralität vertragsmäßig zu genehmigen. Fox trat infolge persön-lichen Misvergnügens aus dem Cabinet; als er nach Jähr und Tag, in schmählicherVerleugnung aller Consequenz, an der Seite des von ihm als todeswürdigen Staats-verbrecher erklärten Lord North wieder eintrat, war er stolz (dies sind seine Worte,
16. Mai 1783), „während seiner kurzen, vorjährigen Verwaltung der Kaiserin gezeigtzu haben, wie sehr es dem Ministerium Ernst sei, ihrem Rathe zu folgen und ihr j
Vertrauen zu verdienen". Diese Schmeichelei ist darauf berechnet, an geeigneter Stellewiederholt zu werden. Aber das große Orakel der modernen Whigs ließ sich auchin vertrauten Mittheilungen in diesem Sinn vernehmen. „Bündnisse mit den nor-dischen Mächten sind immer das System jedes aufgeklärten Engländers gewesen undwerden es immer sein", schrieb er am 11. April 1783. Wiederholt nennt er denGesandtschaftsposten in Petersburg den allerwichtigsten. Und noch im Juli 1792 l
fand Sir James Harris (der seitdem zum ersten Lord Malmesbury erhoben war)
Fox' Vorliebe für eine russische Verbindung sehr groß.
Fox hatte allerdings in jener Zeit des amerikanischen Kriegs vorwiegend das