Die orientalische Frage. 1035
habe sich längst verständigt? Ob er auch aus dem Inhalt der Depeschen, wie LordClarendon, herausgelesen haben mag, von der Königin und dem Kaiser sei nnn ge-genwärtig die Versicherung erneuert, daß sie die Unabhängigkeit und Integrität derPforte aufrechtgehalten wünschen? Genug, Lord Clarendon knüpft daran den ernstenWunsch der britischen Regierung, daß die Vertreter der beiden Mächte fortan ge-meinschaftlich wirken und der Pforte in derselben freundschaftlichen Weise ihren Rathertheilen. Es macht einen komischen Eindruck, wenn man an die „freundschaftlicheWeise" zurückdenkt, in welcher eben in jenen Tagen Fürst Mentschikow mit einemUltimatum nach dem andern um sich warf, noch mehr, wenn man weiß, was LordClarendon wenige Tage nach dem Abgang seiner Depesche durch den Oberst Rose(31. März) erfuhr, daß Fürst Mentschikow von Rifaak-Pascha das förmliche Ver-sprechen verlangt hakte, seine Federungen nicht zur Kunde des britischen noch desfranzösischen Gesandten kommen zu lassen. Aber hat denn der Zar nicht deutlichgenug gesprochen? Hat er denn die Engländer zu täuschen gesucht?
Der Kaiser hat sich noch in der Unterhaltung am 18. April bemüht, dem eng- ^lischen Gesandten bemerklich zu machen, daß er allerdings den Sturz der Türkei nichtfür fern halte, nud daß die englische Regierung, infolge ungenauer Berichte ihrerAgenten, eine zu günstige Ansicht habe von dem Zustande des osmanischen Reichs.
In einem Document, welches der Kanzler auf Befehl des Kaisers dem Gesandtenam 19. April mittheilte, findet sich die gewiß nicht müßige Unterscheidung in Bezugauf die große Katastrophe im Orient: dieselbe, wenn auch nicht zu verhindern, dochmindestens aufzuschieben, müsse Rußland ebenso sehr als England am Herzen liegen.
In Bezug auf die Toleranz und Humanität der Pforte gegen die Christen glaubtder Kaiser sich noch einmal, auf Thatsachen gestützt, gegen die englischen Berichteerklären zu sollen. In jeder andern Beziehung wird er gern zugeben, daß das besteMittel, der osmanischen Regierung Dauer zu verleihen, darin bestehen wird, wennman nicht mit ungerechten Federungen, und nicht durch ein Verfahren, das ihrerWürde und Unabhängigkeit Eintrag thun könnte, sie belästige. Das ist der Wi-derhall der guten Lehren. Der Kaiser ist geneigt, das System zu befolgen, in derVoraussetzung, daß ein gleiches Benehmen von den übrigen Großmächten eingehaltenwerde, und daß keine derselben von der Schwäche der Pforte Zugeständnisse zu er-langen suche, die den Rechten Anderer widerstreiten. Ist dieser Grundsatz festge-stellt, so erklärt der Kaiser, daß er bereit ist, für die Erhaltung des osmanischenReichs im Verein mit England zu arbeiten, und jede Besorgniß wegen Auflösungdesselben beiseite zu lassen.
Dies ist nun die Stelle, die man dem Kaiser am meisten verübelt hat. Denn,sagt man, als diese Depesche dem englischen Ministerium zukam (2. Mai), hatte esbereits seit mehren Tagen die Berichte über Mentschikow's Auftreten in Händen.
Daß die englische Regierung über den anscheinenden Widerspruch betroffen war,daß sie (wie Lord Clarendon am 16. Mai an Sir Hamilton Seymour schrieb) einenAugenblick überzeugt war, Fürst Mentschikow habe auf seine eigene Verantwor-tung gehandelt, das läßt sich nach einmaligem, flüchtigem Dnrchlesen der Aktenstückeetwa begreifen. Aber wenn man das zuletzt angeführte Memorandum aufmerksamerliest, so wird man lebhaft an die sogenannte Deklaration von Pillnitz erinnert, dasnichtssagendste von allen Schriftstücken, welche die Diplomatie jemals ersonnen. Wel-chen Lärm hat jene Declaration hervorgerufen! Und doch, der ganze Entschluß desHandelns gegen die Französische Revolution war abhängig gemacht von gewissen vor-gängigen Entschließungen dritter Parteien. Llors et clans os oa8 — diese Worte -enthielten, wie Gentz sich sehr richtig ausdrückte, die feierlichste Zusicherung der voll-kommenen Unthätigkeit.
Der Kaiser knüpft seine Bemühungen für die Erhaltung der Türkei an dievorgängige Feststellung eines Grundsatzes, der niemals festgestellt ist. Und zwar kannihm Niemand verdenken, daß er eine Bedingung voraussetzt. Die Engländer hattenihn ermähnt, kein säuberlich in Konstantinopel zu verfahren mit dem Knaben Absa-