Die orientalische Frage. L04l
der erste russische Soldat die Donaufürstenthümer betreten; also sei der Sultan sowenig als Großbritannien mehr durch den Vertrag von 1841 gebunden gewesen.
Die Pforte that das Ihrige, um Rußland zufriedenzustellen, wenn es hungerteund dürstete nach dem Gesetz und der internationalen Gerechtigkeit. Sie erließ, undzwar, wie das Manifest <4. Oct.) ausdrücklich hervorhebt, gegen den Rath der Groß-machte, ihrer Verbündete», gegen Rußland eine Kriegserklärung. Die Pforte ergriffdie Initiative, den Krieg im Lichte der neuern Gesittung zu führen; sie legte keinEmbargo auf russische Schiffe.
Sinope und die Kriegserklärung der Weflmächte.
Die Mächte haben nicht allein das Mögliche, sondern das Unmögliche gethan,um das Schwert in der Scheide zu halten. Das englische Cabinet hatte bereitsam 18. Juni der Pforte aufs dringendste empfohlen, den Einmarsch der Russenin die Fürstenthümer, wenn er stattfinden sollte, nicht als Kriegsfall zu erklären.Am Morgen des 26. Sept. noch hatte Lord Nedcliffe vergebens versucht, die tür-kischen Minister friedlich zu stimmen; im Laufe des Tages sprach der Große Rath,aus 172 Personen bestehend, sich für die Kriegserklärung aus. Indessen ward fürdie Räumung der Fürstenlhümer der 23. Oct. als letzter Termin, festgesetzt; bis da-hin sollten keine Feindseligkeiten stattfinden.
Die Zusammenkunft des Kaisers Franz Joseph unb des Grafen Buol mit demKaiser Nikolaus und dem Grafen Nesselrode in Olmütz (26.—28. Sept.) benutzteGraf Buol zu neuen Notenprojccten, denen indessen England und Frankreich sichnicht glaubten anschließen zu können. Dagegen verweigerte auch Graf Buol, sich für einProjcct von Lord Stratford de Nedcliffe zu intcressiren. Wenn Rußland die Absenkungeines türkischen Gesandten ins russische Hauptquartier verlangte, so fand selbst Ost-reich (25. Oct.) dies nicht annehmbar. Glücklicher für den Augenblick, wenn aucherfolglos in der Hauptsache, waren englisch-französische Vorschläge, welche am 3. Dec.von Ostreich und Preußen gebilligt wurden.
Ein Kriegsereigniß war dazwischengetreten, das einen tiefen Eindruck in denweitesten Kreisen hervorrief. Am 30. Nov. ward im Hafen von Sinope ein tür-kisches Geschwader von einem russischen, unter dem Befehl des Admirals Nachimowangegriffen und nach kurzem Kampfe vernichtet. Der Kaiser war hocherfreut; in derAntwort an den Fürsten Mentschikow, der den Sieg gemeldet, soll er nach den Worten„Ihr wohlaffectionirter" mit eigener Hand hinzugeschriebc» haben „und dankbarer".
Wo waren zur Zeit die Flotten der Wcstmächte? Sie lagen ruhig im Bos-porus. Neschid-Pascha rief (4. Dec.) den Gesandten der Weltmächte ins Gedächt-niß, die englischen und französischen Flotten seien nach dem Bosporus in der auf-richtigen Absicht entsendet worden, um die Küsten des osmanischen Reichs zu schützen.In London und Paris war die Aufregung gewaltig. Man betrachtete Sinope alseine Art von Bronnzell. Fast unter den Augen- der Flotten, welche stillgelegen,sei das Unglück geschehen. Die officiellen Noten gaben den Eindruck, daß man esals eine Beleidigung, ja als einen Schimpf empfunden. Der kühne und glücklicheSchlag, schreibt Drouiu dc l'Huys, den Rußland geführt hat, trifft nicht blos dieTürkei. Der russische Admiral, schreibt Lord Clarendon (27. Dec.), muß auf Be-fehl seiner Regierung gehandelt haben, welche Regierung sehr wohl die Weisungenkannte, nach welchen die Admirale Frankreichs und Englands sich zu richten hatten.Ihrer Majestät Regierung ist daher genöthigt anzunehmen, daß es nicht das tür-kische Geschwader allein war,, das mit Vorbedacht in dem Hafen von Sinope ange-griffen worden. Das Schreiben des Kaisers Napoleon an den Zaren (29. Jan.1854) führt bittere Beschwerde, daß von den Russen die türkischen Schiffe ange-griffen und vernichtet seien, „trotz der Versicherung keinen Angriffskrieg zu führen,trotz der Nachbarschaft unserer Geschwader", und schließt daraus: „Es war nichtmehr unsere Politik, die da eine Schlappe erlitt, es war unsere Kriegsehre."
Die Gegenwart. Xll. 66