Versicherungen
— 710 — Versicherungen
geht aus dem vorhin Gesagten zugleich hervor, daß auch fürden einzelnen das Versicherungsgeschäft eines der lohnend-sten ist, wenn gleich nicht geläugnct werden darf, daß esmehr Fährlichkeitcn als jedes andere in seinem Gefolge ha-ben kann.
Die wenigen hiermit gegebenen Andeutungen zeigenübrigens zur Genüge, wie groß der Nutzen der Versicherun-gen für das allgemeine Wohl ist, wie sehr namentlich Schiff-fahrt und Handel durch die Einführung der Versicherunggegen Seegefahr eine Stütze gefunden haben, welche ihnenunbenehmbare Vortheile gewährt. Wie wenige würden ge-neigt sein, ihr ganzes Vermögen dem Erfolge langer undunsicherer Seesahrtcn anheimzugeben und ihr Besitzthumder Wellengefahr auszusetzen, wenn sie nicht durch das wohl-thätige Wirken der Assekuranzen sicher gestellt, und im schlim-men Fall, wenn auch keinen Gewinn, doch den Werth ihresEigenthumes wiederzuerlangen überzeugt wären? — Nunaber ist, trotz der Fortdauer der wirklichen Seegefahr, dasKapital des Kaufmanns, dessen Schiffe alle Meere durch-kreuzen, so sicher, als hätte er es in Ländereicn angelegt.Ohne Bangen vor den Spielen des Zufalls, vor Schiffbruchund Strandung, kann er zuversichtlich seine Berechnungenanstellen, da er sich von den schlimmen Folgen unerwarteterEreignisse gleichsam losgekauft hat, und kein Zagen, keineUngewißheit seine Energie fesseln kann.
Aber nicht blos gegen Wasser- und Fcucrsgcfahr, auchgegen Hagelschlag, Mißwachs, Viehsterben rc., sowie gegen Kaperei und Seeräuberci giebt es Versiche-rungen. Für Gefahren der letztere, Art cristirt natürlichkein sicherer Maßstab, es lassen sich daher auch keine zuver-lässigen Grundsätze dafür ausstellen, vielmehr kann man nurDurchschnitrs-Annahmen feststellen, die nichts weniger alsuntrüglich sind. Besonders schwankend sind die Versiche-rungen in Kriegszeiten; ein bloßes Gerücht von. Kreu-zen eines feindlichen Geschwaders, oder auch nur eines Ka-pers, auf dem Wege, welchen Schiffe, die aus fremden Häfenzurückkehren, dem gewöhnlichen Enrse nach nehmen müssen,ist im Stande, die Prämien schnell und bedeutend zu stei-gern; denn wie alle Preise, sind auch sie veränderlich. Eswerden freilich zu solchen Zeiten die Kauffahrcr durch Kriegs-schiffe begleitet und bedeckt (convopirt), was die Wahrschein-lichkeit der Wegnahme, und somit die Prämien zwar ver-mindert, keineswegs aber die Gefahr gänzlich entfernt, daungünstige Umstände sehr unerwartet eintreten und denVer-bältniffen eine andere Wendung geben können. Ueberhanptist für solche Fälle dem Versicherer, wie dem Versicherten,die höchste Vorsicht anzuempfehlen.
Bisher haben wir nur den Nutzen, die Vortheile derVersicherungen jeder Art kennen gelernt; so groß und wich-tig aber in der That diese sind, dürfen wir doch auch mancheSchattenseiten derselben nicht vergessen. Die erste undnatürlichste Folge der durch die Assekuranzen gewährtenSicherheit ist ein Gefühl der Zuverlässigkeit von Seiten derVersicherten, welches aber bei leichtsinnigen Menschen leichtausartet und in Unachtsamkeit und Nachlässigkeit übergeht,so daß ihre Fahrlässigkeit allein häufig die Ursache großerUnglüctsfälle ist, welche vermieden worden wären, wenn dieunabsichtlichen Urheber größere Vorsicht angewendet hätten,
welche ihnen die Furcht, an ihrem Besitzthum Schaden zuleiden, wahrscheinlich eingeflößt haben würde. Dies ist je-doch bei weitem nicht die schlimmste Wirkung. Die Actender Gerichte, so wie die Erfahrungen aller derer, die ausge-dehnte Versicherungsgeschäste gemacht haben, bewahren zahl-reiche Beispiele auf, daß in früherer und späterer Zeit undoft wiederholt Schiffe versunken, Häuser ein Opfer derFlammen geworden sind, blos um die Versicherten zu berei-chern, welche in ihren hohen Versicherungen den schändlich-sten Betrug trieben und die Versicherer hintergingen. Ob-gleich aber, wie erwähnt, die Fahrlässigkeit und der Betrugeinige Nahrung dadurch erhalten, so ist nichtsdestowenigerdas Versicherungsgeschäft von den segensreichsten Folgen fürdas Allgemeine, wie für den einzelnen. Die mitunter vor-kommende» Betrügereien vergrößern freilich die Versiche-rungskosten einigermaßen, ohne indessen einen überwiegen-den Einfluß zu äußern, so daß diePrämien trotzdem im gan-ze» sehr mäßig zu nennen sind.
Die Sicherheit ist nicht der einzige Nutzen, welchen dieVersicherungen gewähre», es wird dadurch auch das Bestre-ben, Vermögen zu sammeln, augenfällig erhöht. Nament-lich gilt dies von den LebenS-Versicherungen. Jemand, dersein Leben gegen eine gewisse Summe versichert hat, würdealler der Vortheile verlustig gehen, welche für seine Hinter-bliebenen daraus entspringen, wenn er seine Prämie nichtregelmäßig und pünktlich entrichten wollte. Dies nöthigtihn, zu diesem Zweck einen hinreichenden Betrag aufzuspa-ren, was er der Wohlfahrt der Seinigen wegen und um daseinmal Eingezahlte nicht ganz vergebens angelegt zu haben,gewiß gern, und selbst mit kleinen Opfern, thun wird.Einmal für die Sparsamkeit gewonnen, und ihre wohlthä-tigen Folgen erkennend, wird er diese Gewohnheit bis dahinvermehren, daß er eine neue Summe auf sein Leben ver-sichern, oder Ersparnisse zurücklegen und mit Vortheil anle-gen kann.
Geschichtlich gingen die Versicherungen gegenSeegefahr denen gegen Feucrsgefahr und auf die Lebens-dauer der Menschen lange voraus, da bei den ersten das Ei-genthum jedenfalls weit mehr dem Zufall anheim gegebenwar. Ueber die Ieit der Einführung der ersten förmliche"Versicherungen weiß man jedoch nichts genaues. Die Be-hauptung einiger Autoren, welche, auf mehrere Stellen in>Livius und Suetonius sich stützend, sie schon bei den altenRömern finden wollen, entbehren allzusehr genauerer Be-weiSgründe, und selbst der Wahrscheinlichkeit; über Verfichtrungc», welche angeblich gegen das Ende des 13. Jahrh.Brügge stattgefunden haben sollen, hat man nur sehr unzu*vcrlässige Nachrichten, die gar keinen Erweis geben; dag^gen finden wir die ersten sichern Spuren in Barcelo""-wo im Jahr 1433 ein Majestätsbcfehl erlassen wurde,sich über das Affckuranzwcsen verbreitet, und welchen detgelehrte spanische Archäolog Eapmany in seinem vortreffl^chcn Werke über die Geschichte und den Handel Barcclona's(l>an änttmia cle llopnnm^, lilinnorias Historien sobre ^lilarma, llomercio o,c. <>o llarcolona, 1omo II. pag. 383')mittheilt. So lange daher nicht das Gegentheil bewiest"wird, muß man Barcelona als die Wiege dieser so nützliche"und wohlthätigen Institution ansehen. (Vergl. camp»")'-