111
Wieder allein fühlte ich doppelt bitter alles Schreckliche derGefangenschaft: Schwermuth bemächtigte sich meiner; die Gegen-wart bot mir ja Nichts zum Ersatze so vieler zerstörten Hoffnungen,die Zukunft lag schwarz und drohend vor mir, so ungewiß, sounheimlich, daß ich auf sie nicht bauen mochte. Da wandte ichmich der Vergangenheit zu. Oft ist die Ansicht ausgesprochen,daß in der Widerwärtigkeit die Erinnerung an das Verlorenedas Gefühl des Schmerzes erhöhe, ihn gar unerträglich mache;mir ist sie, wenn ich mich unglücklich glaube oder schwere Lei-den aus mir haften, die Quelle herrlicher Stärkung. Danndachte ich der Scenen, deren Bild so lebendig mir in's Herzgeprägt ist, das Andenken an die Zeiten des Glückes machte siemich wieder durchleben und wieder fühlte ich mich glücklich.
So lag ich auch in jenen Tagen unmuthiger Hoffnungs-losigkeit oft lange in wachem Traume. Ich malte die Heimathmir aus, die Theuren, welche doch wohl sorgend meiner gedach-ten, und jede Stunde, die ich mit ihnen vereint gewesen war, dieWorte selbst, welche wir in dem trauten Vereintsein gewechselthatten, traten wieder vor mich; alle die Schlacken, durch die dasGlück wohl getrübt gewesen, waren in der Erinnerung hingeschwun-den — arme Menschen, die wir ganzes Glück nur in Zukunft undVergangenheit ahnen! Da erhob sich mir auch das Bild mei-ner Jugendfreunde, und nochmals glaubte ich die Freuden zugenießen, die so rein und so reich in ihrer Theilnahme mir ge-worden waren. Warum mußten sie vergehen, diese Zeiten wahrerWonne! Die Jugendfreundschaft, immer gleich lieblich, gleichzart, geht wie ein leuchtender Stern durch das ganze Leben,und alle die Widerwärtigkeiten und Enttäuschungen, welche sobitter in das Leben gewebt sind, streifen machtlos über sie hin,nur fester und unauflösbarer sie knüpfend. Wie zauberisch istdoch der Reiz gemeinschaftlicher Erinnerungen; mit welcherWonne geben wir den Gefühlen uns hin, die der gemeinschaft-liche Rückblick auf jene liebe Zeit, in der wir nur die helle,