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Schulreden gehalten am Friedrichs-Gymnasium zu Herford : nebst einer Abhandlung über die Rolle des Kreon in Sophokles' Antigone / von Dr. Friedrich Gotthold Schöne
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Ueber

die Rolle des Kreon in Sophokles' Arrtigone.

Eine Abhandlung.

33>rele Beurtheiler der Antigone des Sophokles haben die Rolledes Kreon in diesem Stück zu einer sehr untragischen herab-gedrückt, indem sie seinem Kampfe die Nothwendigkeit undWürde gänzlich absprechen, ihn nur als Vertreter seiner Ty-rannis und als mit allen Fehlern eines Tyrannen behaftet dar-gestellt finden, als einen Zwangherrscher, dessen Beweggrundeinzig und immer die selbstsüchtigste Herrschsucht sei, der dahersein Ich zum ersten und letzten Grund sowohl für sein eigenesHandeln als für die Beurtheilung des von Andern ausgegange-nen mache, Alles in Druck und Furcht halte, keinen Wider-spruch vertrage, auf Antrieb eines höchst argwöhnischen Ge-müths in dem geringsten Umstände Verschwörungen gegen sichund Angriffe auf die Majestät seiner Person sehe, ja im blin-den Eifer seines Eigensinnes oder Eigennutzes sogar die Pietätgegen die eigne Familie verläugne, wogegen er sich selbst in sei-nem Benehmen gegen Andere zu Allem berechtigt meine undin dem bitterhöhnischen Spotte, mit welchem er ihnen begegne,den höchsten Grad hämischer Bosheit an den Tag lege *).

Ist solche Art von Charakter, welche Aristophanes unab-lässig mit der schärfsten Rüge verfolgt, auch der Großheit undWürde der Tragödie und insbesondere der Kunst des Sophoklesentsprechend? Enthalten diese niedrigen Gesinnungen, dieseentehrenden Beweggründe des Handelns Etwas von dem Adel,durch welchen die Tragödie selbst den Schwächen und Fehlernder handelnden Personen Würde und Erhabenheit verleiht?