welcher sie ihm vor die Augen gestellt wird, beizubringen imStande ist, so ist dies eine Steigerung der Theilnahme desChores zu höherer Potenz, als mit seinem Wesen und Begriffe,demnach mit der Kunst überhaupt verträglich ist. Der Chorsoll nur die innige Theilnahme des Volkes an der dargestelltenHandlung in idealisirter Gestalt personisiciren; also darf erauch nur die Ergebnisse dieser Theilnahme lyrisch wiedergeben,nicht aber Zusätze geben, zu denen in die Form der Handlungdurchaus kein Anlaß gelegt ist. Wenn aber in dem Kampfezwischen Antigone und Kreon als Factoren der beiderseitigenHandlungsweise nur jene beiden Gegensätze, das göttliche Ge-setz und der Eifer für die Tyrannis, sich offenbaren, so istdie Hinweisung auf das Staatsgesetz als eine dritte in Be-tracht kommende Macht eine in der dargestellten Handlungdurchaus nicht gegebene, folglich auch nicht auf dem Wege dertheilnehmenden Reflexion gefundene, fremdartige Zuthat desChores.
Bei der Stellung, welche dem Kreon nach der obigenAnsicht zugetheilt wird, kann derselbe natürlich nur eine unter-geordnete Rolle spielen, sein Widerstand ist nur das Mittel,um den tragischen Conflict der Antigone möglich, die in diesemConflicte wirksame geistige und unsichtbare Kraft äußerlich undsichtbar zu machen. Daraus folgt, daß Kr. selbst in keinemtragischen Conflicte begriffen ist, mithin daß aller Conflict auf-hört und die Handlung ihren Abschluß erhalten hat, sobald diePerson, welche nur allein um die Behauptung einer höhernIdee ringend dargestellt wird, vom Schauplatz abgetreten ist.Wozu aber spielt hieraus das Stück noch so lange fort? Wenndie Katastrophe geschehn und die Handlung vollendet ist, sodarf entweder nicht noch ein neuer Theil folgen, oder es mußeine neue, zweite Handlung beginnen. Dann aber hat dasStück keine Einheit mehr. Selbst wenn diese Nachhandlungdurch gewisse Beziehungen mit der ersten in Zusammenhangsteht, bleibt sie immer eine zweite, besondere Handlung; jaes ist nicht einmal nothwendig, daß die erste Handlung für diezweite wirklich vor Augen gestellt werde, es kann der Theil,auf den insbesondere die letztere sich bezieht, als vorausgegan-gen supponirt werden, wie der Ajax auf eine vorhergegangenenicht dargestellte Handlung gegründet ist. Es genügt schon,daß die Beziehungen der oben darzustellenden Handlung zu derals vorausgegangen angenommenen, welche die Grundlage