-Verstand sich verstocken, dein Geist zu jedem freyenBestreben unfähig werden?
Nehmen wir auch einen einzelnen Menschen, dengefühlvollesten, stärksten; und lassen wir ihn, nachgemachten unzähligen Erfahrungen, blos für seinePerson, mit dem freyesten Muthe, eine Philosophiedes Lebens entwerfen: er wird in der Folge doch wie-der auf Ausnahmen stoßen; und fürchtet er sich, diesegelten zu lassen, so wird er nach und nach zu einerArt Maschine, wiewohl zu einer vorzüglicheren als je-ner andre, der sich im Rade noch mehr gemeiner Vor-schriften dreht. Allzu oft muß er sein gegenwärtigesGefühl unterdrücken, ihm nicht glauben, nicht trauenwollen; folglich blos nach dem Buchstaben handeln.Umgeht, verdreht er das Gesetz, so wird der Kerlein Heuchler, ein Schurke; unterwirft er sich ihm red-lich — so kommt er allmählich um Sinn und Gefühl— wird, je höher er die Fertigkeit seiner Tugendtreibt, desto kälter, geschmackloser; gehorcht immernur (blindlings oder sehend — wie es kommt) seinemehmaligen Willen, hat aber jetzt keinen eigenenWillen mehr; kann sich hinfort nie weiter über sichselbst empor schwingen.