Band 
Erster Band. Alte Welt.
Seite
72
JPEG-Download
 

72

somit auch die Sprache, oder der Ausdruck jener Begriffe undEmpfindungen, mit eben so vielen Eigenheiten oder besonderenCharakteren versehen.

Da nun die Sprache das Produkt der durch Klima, Beschäf-tigung, Verfassung, Religion, Mode und Zufall bewirkten Denk-und Empfindungsweise der Völker ist, so ist sie für den Forscherauch eine ziemlich zuverläßige Erkenn tu ißquellc jener Sinnes-art, ein Maaßstab, wvrnach sich Aufklärung, Kultur und Charak-ter der Nationen bestimmen und vergleichen lassen.

Nicht nur Erkenntnißquelle, auch mitwirkender Grund istdie Sprache von der Kultur und dem Charakter der Nationen.Sie wirkt quf den Geist zurück, von welchem sie ausging. Er-zeugt und bestimmt durch das Reich der Ideen und Empfindun-gen des Volkes, wird sie Werkzeug und Grundlage weiterer Aus-breitung desselben, und kann sonach befördernd oder hindernd dar-auf einstießen.

Aber die Sprache ist unmittelbar nur einem kleinen Kreisevernehmbar; bald verhallen ihre Töne, und was davon die münd-liche Ueberlieferung m ferne Länder und Zeiten bringt, wird leichtauf diesem Wege bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet. Die Schrifthilft diesem Mangel ab, und gibt dem bis dahin wankenden Ge-bäude der Menschenbildung eine feste Grundlage. „Der Sterb-liche, her dieß Mittel, den flüchtigen Geist nicht nur in Worten,sondern in Buchstaben zu fesseln, erfand; er wirkte als ein Gottunter den Menschen." Herder.

Viele große Erfindungen sind durch Zufall oder einen glück-lichen Gedanken entstanden. Die Buchstabenschrift war diespäte Vollendung einer langsam und stufenweise fortgebildetenIdee, deren Geschichte wir mit ziemlicher Bestimmtheit nachzu-weisen vermögen. Der Mensch, welcher so gerne sich und AndernDenkmale baut, welchem, so manche Erinnerung festzuhalten, Ge-nuß und Bedürfniß ist, konnte wohl kein einfacheres und leichte-res Mittel zur treuen Bewahrung solcher Gedächtnisse finden, alsdas Zeichnen oder Malen der That, der Person, des Gegen-standes u. s. w., wovon die Erinnerung bleiben sollte. Wir kön-nen nicht zweifeln, daß auch im grausten Alterthum solche Mit-tel schon gebraucht worden, und daß z. B. die Aegypter und die