24 Rap. 6. Vom Siſtorien oder Geſchichte malen.
Geſchlecht hat ſeine beſondern Zuͤge. Wie nothwendig iſt es alſo, daß ſich der Maler
mit allen dieſen Verſchiedenheiten bekannt mache, um in der Ausuͤbung nie zu fehlen!
Die Malerey kommt hierinn mit der Dichtkunſt und Redekunſt uͤberein. Sieſoll, wie die Redner und Dichter unterweiſen, ruͤhren und beluſtigen. Der letzternPflicht iſt, wie Cicero ſagt, daß ſie uns unterweiſen, ihre Schuldigkeit, daß ſie zu Ver-mehrung ihres Ruhms beluſtigen ſollen: und ihr Beruf erfordert, daß ſie die Herzenauch ruͤhren. Je hoͤher aber die Kunſt getrieben wird, deſto mehr iſt ſie im Standeuns zu ruͤhren.
Das 6. Kapitel.Vom Hiſtorien oder Geſchichte malen.
achdem wir von den beſondern Theilen der Malerey, als den Verhaͤltniſſen, den gu-N ten Stellungen, den Gemuͤthsbewegungen einzelner Bilder gehandelt haben,kommen wir nunmehr zu der Zuſammenſetzung mehrerer Bilder, wobey obige Regelnalle angewendet werden muͤſſen. Dies geſchiehet vornemlich bey dem Hiſtorien malen,welches ohne Zweifel der edelſte Theil der Malerey iſt, und wobey der Kuͤnſtler die beſteGelegenheit hat, ſein Genie zu zeigen. Wir haben daher viele Maler, die bey andernVorſtellungen, als Landſchaften, Ruinen, Thiere, und dergleichen, oder bloß bey denBildniſſen geblieben ſind, aber nur wenige, die ſich in das weite und ſchwere Feld derGeſchichte gewagt haben.
Zuerſt muß der Kuͤnſtler ſeinen Gegenſtand wohl uͤberdenken, und erwegen wie erſolchen am beſten und der Warheit gemaͤß vorſtelle. Zu dem Ende wird erfodert, daßer alle Umſtaͤnde der vorzuſtellenden Geſchichte wiſſe, damit kein wichtiges Stuͤck fehle,oder durch eine fruchtbare Einbildungskraft etwas falſches hinzugeſetzt werde. DieſerEndzweck wird am beſten erreicht, wenn man uͤber ſeinen Gegenſtand die Schriftſtel-ler, welche ihn beſchrieben, nachlieſet, und ſich das beſte daraus waͤhlet, ohne ſich gleich-wol zu ſklaviſch daran zu binden.
Vor der Anlage des Bildes hat der Maler einige allgemeine Umſtaͤnde zu erwegen,nach denen er ſeine Einrichtung machen muß. Es kommt nemlich viel auf den Ort an,ob das Gemaͤlde in der Hoͤhe, von unten auf, oder umgekehrt, ob es gerade von vorne,oder hauptſaͤchlich von einer Seite ſoll geſehen werden, ob man nahe hinan treten, oderin der Entfernung bleiben muß; Ferner wie die Figur der Tafel werden ſoll, viereckigoder rund, groß oder klein. Auf den letzten Punkt muß er beſonders Acht haben, umſeinen Bildern eine verhaͤltnißmaͤſſige Groͤſſe zu geben. Verſchiedene haben den hier—aus flieſſenden Fehler, daß es ſcheint, als truͤgen die Figuren den Rahmen, oder waͤrenenge hineingeſtopft: oft ſtehen ſie nur halb auf dem Bilde und die vornehmſten Gliedermangeln. Man ſoll den Grund niemals mit Figuren uͤberladen, noch vielweniger aufeinem Gemaͤlde von mittelmaͤſſiger Groͤſſe, zuviel groſſe Figuren anbringen. Sie muͤſ-ſen frey, geraͤumig, und ungezwungen geſtellt werden.
Wenn der Maler nun die vorzuſtellende Geſchichte wohl durchgedacht, und ſichden Entwurf davon in Gedanken gemacht hat, ſo iſt es Zeit denſelben zu Pappier zubringen, und eine oder auch mehrere Skitzen zu verfertigen, um zu ſehen, wie ſich ſeineGedanken in der Ausfuͤhrung ausnehmen werden. Er kann auch einen Karton von derGroͤſſe des kuͤnftigen Stuͤckes machen. So verfuhren die vornehmſten Roͤmiſchen undFlorentiniſchen Maler.
San-