28 Rap. 7. Von der Bekleidung oder den Gewaͤndern.
Bekleidung, und den geraden Falten nicht nachzuahmen. Die Statuen ſollen von allenSeiten geſehen werden, deswegen machten die Griechen aus Furcht daß groſſe ſtarkeFalten das Bild von einer Seite zu ſehr bedecken moͤgten, duͤnne, glatt anliegende Ge-wander. Um dieſes noch mehr zu erhalten, arbeiteten viele Kuͤnſtler nach naſſen Ge-waͤndern, welche weit geringere Falten gaben, als wenn ſie ihnen die natuͤrlichen Fal-ten gelaſſen haͤtten. Man bemerkt daher daß die Maler, welche lange nach Antickenſtudirt, als Raphael und zumal Pouſſin, meiſtens enge Bekleidungen mit ſchmalenFalten angebracht haben.
Es ſind einige der anticken Statuen, welche wegen ihrer Gewaͤnder vorzuͤglich ge-ruͤhmt werden, und nachzuahmen ſind. Man findet die Zeichnungen davon in demvorhergehenden Theile der Akademie. Zum Beweiſe dienen: die Flora im PallaſtFarneſe, die Kleopatra im Vatikan, die Kumaniſche und Tiburtiniſche Sibille, dieSabinerin, die Juno des Pallaſts Ceſi, und die fliegenden Gewaͤnder der Nymphenauf verſchiedenen Basreliefs.
Die Gewaͤnder muͤſſen ſo geworfen werden, daß die Falten nicht auf die hauptſaͤch-lich erleuchteten Glieder fallen, damit ſie an ſolchen Stellen keine groſſe Schatten, und indem Schatten keine lichte Falten verurſachen. Eben ſo wenig duͤrfen die Falten querüber einen hervorſtehenden Theil des Leibes, z. E. ein Knie gehen, ſondern denſelbengleichſam umſchlieſſen, und dadurch erheben. Es muß weder das Anſehen haben, alswaͤren die Gewaͤnder uͤber die Glieder geſpannt, noch als wenn ſie in einem Klumpendaruͤber geworfen waͤren. Viele haben ſich in groſſe Bruͤche verliebt; ſie vergeſſen daßdas Gewand um der Figur willen, und nicht die Figur wegen des Gewandes gemachtwird: daraus entſtehen Gewaͤnder, die ausſehen, als wenn der Wind ſie aufgeblaſenhaͤtte: und die ſchoͤnſten Theile des Koͤrpers werden bedeckt. Der Maler ſoll ſeineKunſt in dieſem Stuͤcke der Malerey zeigen, aber an gehoͤrigem Orte, wo die Gliederdie Kleider zuſammen ziehen, und Falten verurſachen.
Eine jede Figur in einem hiſtoriſchen Gemaͤlde erfordert ihre Kleidung: daher hatſich der Kuͤnſtler fuͤr der Einfoͤrmigkeit zu huͤten. Bey einer jedweden muß er mit demWurfe der Falten abwechſeln. Einigen giebt er gelinde Falten, andere bekommenzumal bey ſeidnen Gewändern ſcharffe Bruͤche, einige fallen lang und ſchmal, anderekrum. Bey den krummen iſt zu beobachten, daß ſie immer weniger krum laufen, jeweiter ſie von der Hauptfalte, wo ſie ſich mehr zuſammen ziehen, entfernt ſind, undendlich ſich allmaͤhlig gar verlieren muͤſſen. Durch die Zuſammenziehung geſchieht demKleide allemal gleichſam Gewalt: je weiter folglich die Falte von dieſem Orte entferntiſt, deſto mehr muß ſie ſich verlieren.
Bey den verkuͤrzten Theilen oder krumm gebogenen Gliedern koͤnnen mehr Fal-ten angebracht, und ſolche mehr eingehuͤllt werden, wenn der Meiſter es fuͤr gutfindet. Deſto weniger laſſen ſich bey ausgeſtreckten Armen und Beinen anbringen: wodas Kleid auch ausgeſtreckt wird. Auch hier muß die Erfahrung den Maler leiten,wenn er auf den Fall und die Biegung der Falten bey den verſchiedenen Bewegungendes Koͤrpers im menſchlichen Leben Acht gegeben hat. Ueberhaupt iſt nicht zu laͤugnendaß ein geſchickter Wurf der Falten, viel zum Ausdruck in Anſehung der Bewegungeines Bildes beytraͤgt. Ein Ul geſchicktes Gewand wird verurſachen, daß der Standeiner Figur nicht naturlich ſcheint: hat es nicht die gehoͤrige Weite, und das naturlicheVerhaͤltniß zum Korper, oder iſt zu enge, ſo wird man gar glauben, die Figur ſey ver-
zeichnet.Die