Band 
Sechster Band.
Seite
52
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52 Kap. 16. Von der chineſiſchen Malerey,

Es iſt bekannt, und oben bereits angezeigt worden, daß die Gegenſtaͤnde, nach-dem ſie hoch und von dem Auge entfernt ſind, eine verſchiedene Groͤſſe zu haben ſchei-nen. Eine Sache die hoch ſteht, wird dem Auge kleiner ſcheinen, als eben dieſe Sache,wenn ſie gerade vor dem Auge ſteht. Dieſer Unterſchied iſt keinesweges willkuͤhrlich,ſondern beruhet auf gewiſſen Regeln der Optik, die hier zu weitlaͤuftig auszufuͤhren.Ohne daß der Kuͤnſtler ſich in deren Unterſuchung einlaͤßt, wollen wir ihm eine Anlei-tung geben, wie er ſich in vorkommenden Fallen helfen ſoll, ohne gegen jene Regeln ei-nen Fehler zu begehen. Dazu dienet gegenwartige Figur.

Wenn die Hoͤhe eines Objects gegeben iſt, ſo waͤhle man ſich eine ſchickliche Ent—fernung, aus welcher das Auge nach Anzeige der Figur den Gegenſtand betrachtet.Dieß iſt das Centrum oder der Mittelpunkt, aus dem in beliebiger Entfernung(jedochmuß ſie wegen der Eintheilung nicht gar zu kurz ſeyn:) ein Quadrant A gezogen wird.Den Quadranten theilet in ſo viel Theile, als die Hoͤhe des Objects erfordert: ziehetaus dem Punkte des Auges durch dieſe Eintheilungen gerade Linien bis an das Object,ſo beſtimmen ſie an demſelben wie die Eintheilungen mit der Hoͤhe zu nehmen, und diedaran zu machenden Figuren nach Proportion an Groͤſſe wachſen muͤſſen. Wenn folg-lich dieſe Saͤule bis oben an, mit Basreliefs ſollte gezieret werden, ſo muͤſſen nach derRegel die obern Figuren um ſo viel groͤſſer oben ſeyn, als es die daran gemachten Ein-theilungen ſind. f

Dieſes haben die alten Kuͤnſtler bey ihren Werken ſorgfaͤltig in acht genommen.Sandrart befand bey genauer Abmeſſung dieſe Regel an den zwey groſſen Gruppen desAlxanders mit dem Bucephalus, welche vor dem Paͤbſtlichen Pallaſt auf dem MonteCavallo ſtehen, beobachtet. Sie ſind faſt viermal uͤber Lebensgroͤſſe gearbeitet, ihreKoͤpfe nehmen um ſo viel an Groͤſſe zu, als ſie wegen ihrer Hoͤhe und Entfernung ver-lieren, und ſcheinen daher, wenn man ſie von weiten betrachtet, die gehoͤrige Groͤſſe zuhaben. Das bemerket man gleichfalls an der Saule des Trajans, woran von oben bisunten deſſen Geſchichte in marmornen Basreliefs ausgehauen ſind. Die oberſten Bas-reliefs ſind von viel groͤſſern Figuren, als die unterſten: ſie ſcheinen den Auge aber voneinerley, und richtiger Groͤſſe zu ſeyn. Wenn gleich die Perſpektiv bey den alten nochnicht ſo auf Regeln gebauet war, wie heutiges Tages, ſo haben ſie doch aus der Naturder Dinge einige Kenntniß davon gehabt, und ſie nicht aus der Acht gelaſſen. Um wieviel weniger waͤre es alſo einem neuen Kuͤnſtler zu verzeihen, wenn er Fehler dagegenbegienge, da die Kunſt nunmehr ſo richtig beſtimmt iſt, und es nicht an Anleitungendazu fehlet. ä

Das 16. Kapittel.

Von der chineſiſchen Malerey, vom Holz oder Formſcheiden,und der ſchwarzen Kunſt.

achdem wir nunmehr von der Malerey uͤberhaupt gehandelt haben, und gewieſen,N wie weit die Kunſt heutiges Tags unter den Europaiſchen und geſitteten Nationengeſtiegen, ſo ſollten wir auch von dem Zuſtande derſelben bey andern Völkern etwasſagen. Es wird ſich aber nicht viel davon anfuͤhren laſſen, weil dieſelben meiſtens ineiner groſſen Unwiſſenheit dahin leben. Da bey den Tuͤrken und Perſianern der Bil-derdienſt, und ſogar die Verfertigung derſelben verboten iſt, ſo kann man daraus ſchlie-ſen, daß die Malerey ſich bey Ihnen in einem ſchlechten Zuſtande befinden muͤſſe, unddaß ſich ihre Geſchicklichkeit nur uͤber einige Blumen, und was zu ihren Fabrikarbeitengehöͤret, erſtrecke. 90

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