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Papstes, der sich Alexander VI. nannte, begangen. DasWappen der Borgia, ein weidender Stier im goldenenFelde, ward in tausend künstlerischen und dichterischen Formenverherrlicht. Die religiösen Ceremonien, der ganze kirchlichePrunk und Putz ward benutzt, um die Gestalt dieses einenMenschen, den das Volk wie einen lebendigen Götzen ansah,um so deutlicher und feierlicher hervorzuheben. Selbst dieaufgeklärteren Schichten der Bevölkerung waren von der all-gemeinen sittlichen Verwilderung so sehr beherrscht, daß sie denkritischen Widerspruch ihrer natürlichen Vernunft gegenübersolchen schamlosen Verirrungen nicht zu wahren vermochten.Ein Mann wie Michael Fern us, ein namhafter Humanistjener Zeit, entblödet sich nicht, den neuen Papst, der dochbereits als Kardinal ein mit allen nur erdenklichen Lasternbeflecktes Leben geführt hatte, in folgenden Worten zu verherr-lichen:
„Er sitzt auf einem schneeweißen Pferde mit heiterer Stirn,mit augenblicklich zwingender Würde; so stellt er sich dem Volkedar; so segnet er alle;... so erfreut er alles; so ist seineErscheinung gute Vorbedeutung für alle. Wie wunderbar istdie milde Gelassenheit seiner Mienen; der Adel dieses Gesichtsohne Fehl; sein Blick, wie liberal. Dieser Wuchs und dieseHaltung von zwangloser Schönheit und die unverkümmerteGesundheitsfülle des Leibes, wie steigern sie die Verehrung, dieer einflößt!"*)
Ja, sie war dieses Papstes werth, die Christenheit desfünfzehnten Jahrhunderts! »
Was für ein Mensch auf der höchsten Staffel der Ehreund Macht, welche die damalige Welt kannte!
Am l. Januar 1431 war Rodrigo Lanzol, genanntBorgia (spanisch Borja) in dem spanischen LandstädtchenLativa als Sohn eines kleinen Edelmannes geboren. Er war
*) Ganz die Tonart, in welcher unsere Bourgeoisblätter fürst-liche Hochzeiten, Paraden rc. zu beschreiben pflegen. Man sieht, esgab zu allen Zeiten ein« aewisse Art von „bezahlten Lumpen".