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Kirchengeschichte : Lehrbuch zunächst für akademische Vorlesungen / von Dr. Karl August Hase
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Vorrede I.

aussuchte, sondern immer nur das religiös Charakteristische. Eine solche Dar-stellung wird im Großen und Ganzen wol auch etwas Auferbauendes haben, undes ist mir dabei so zu Muthe gewesen, als wenn ich die Geschichte des göttlichenReichs auf Erden schriebe, aber Einzelnes, weil die Menschen das Hohe zur Cari-catur gemacht haben, mag sehr unerbaulich klingen.

Für einige ungewohnte Gegenstände muß ich Bürgerrecht fordern in derKirchengeschichte, weil sie Geburtsrecht haben in der Kirche. Auch findet sich meistschon etwas der Art in den größerer kirchenhistorischen Werken, so über christlicheKunst bei Schröckh, freilich in seltsamer Unbehülflichkeit. Die Bedeutung derKirchenbauten hat Rosenkranz in der Encyklopädie gewürdigt. Dagegen manchesandre, was auch in kleinern Compendien gewöhnlich genannt ist, hier vergeblichgesucht werden dürfte. Ich denke mich deßhalb so wenig zu entschuldigen, daßich mir vielmehr vorwerfe, besonders in der Patristik dem Herkommen nachgebendmanches stehen gelassen zu haben, was kein Recht hat auf die Geschichte. Es istneuerdings mannichfach ausgesprochen worden, daß die Kirchengeschichte einenTheil ihres Ballastes auswerfen müsse. Schwerlich aber werden wir darin dierechte Hülfe finden, wenn wir, wie Tittmann vorschlug, uns auf die Geschichteder Ausbreitung des Christenthums und derKirchenverfassung beschränken. Dennwer möchte behaupten, daß bei dieser willkürlichen Beschränkung noch ein treuesBild der kirchlichen Zustände übrig bleibe. Nur eine zusammenhängende Ge-schichte der theologischen Wissenschaften gehört nicht zur Kirchengeschichte, alswodurch sie eine Encyklopädie alles theologischen Wissens würde, sondern bloßda ist der einzelnen theologischen Wissenschaft zu gedenken, wo dieselbe bedeu-tungsvoll in einer Zeit hervortritt, also zur Charakteristik derselben gehört. Da-gegen wir uns die Dogmengeschichte nicht entreißen lassen können. So gewiß ihreabgesonderte Ausbildung von hoher wissenschaftlicher Bedeutung ist, kann siedeßhalb doch nicht von der Kirchengeschichte aufgegeben werden, denn ich möchtewissen, wie einer die kirchlichen Bewegungen des 4. 5. und 6. Jahrhunderts be-schreiben wollte, ohne der Dogmenbildung zu gedenken, von der sie ausgehn, oderwie überhaupt eine klare Vorstellung eines Zeitalters der Kirche möglich sei ohneKenntniß des Glaubens, der die Kirche trägt und bewegt. Zwischen der Dog-mengcschichte als besondrer Wissenschaft und als Bestandtheil der Kirchenge-schichte besteht nur ein formeller Unterschied, denn abgesehn von dem verschiednenUmfange, der äußerlich bedingt ist, behandeln sie nur die verschiednen Pole der-selben Are, jene das Dogma mehr als den sich selbst entfaltenden Begriff, dieKirchengeschichte das Dogma inmitten der Personen und Ereignisse. Aber dieKirchengeschichte war dadurch zu vereinfachen, daß eine bedeutungslose Masse hin-ausgewiesen wurde. Nur was irgendein«»»! wahrhaft gelebt bat und ebenda-durch unsterblich ist, indem es eine Strahlenbrechung des christlichen Geistes insich darstellte, gehört zur Geschichte, die eine Geschichte der Lebendigen ist undnicht der Todten, wie Gott nur ein Gott der Lebendigen. Wir haben uns ab-ermit einer Menge todtgeborner Kleinigkeiten herumgetragen. Wenigstens den