Cap. I. Heidrmhum. tz. 13. 14. Griechenland.
17
bürgerlicher Freiheit und in siegreichen Kämpfen wider den König desMorgenlandes ss. 490 a.O.s das rein irdische Leben zu seiner heitern na-turgemäßen Schönheit, getragen von jugendlicher Kraft und edler Ge-sittung, geordnet durch scharfen Verstand und weise Mäßigung, verherr-licht und verklärt in der Kunst, die das Unaussprechliche aussprach, dieVersöhnung des Geistes mit der Natur verkündete, auch inihrernatürlich-sten Nacktheit ein züchtiges Maß hielt, und selbst in der Nachtseite desirdischen Daseins den Sieg der Freiheil und Schönheit feierte. An dieKüsten Kleinasiens. Siciliens und Süditaliens wurde griechische Sittedurch Wanderzüge und Colonien getragen. Alexanders Siege ss. 334sbegründeten die Herrschaft griechischerBildungüberallemorgenländischenKüstenländer des Mitkelmeers. Aber der Mensch galt nur als Bürger,alle Tugenden bezogen sich auf die Verherrlichung des Vaterlandes. Diefreie Bewegung des Bürgers war auf einen Stand der Leibeignen ge-gründet. Von den Frauen war der eine Theil auf ein engbegränztesFamilienleben beschränk!, ein andrer Theil erkaufte die Theilname anmännlicher Freude und reizender Bildung mit dem Verluste von Frauen-würde und häuslichem Glück. Die Kraft der Staaten entwickelte und ver-zehrte sich in Parteikämpfen und Bürgerkriegen. Die Civilisation kämpftenoch in den schönsten Tagen Griechenlands mit den Überresten altherge-brachter Barbarei und ihren blutigen Unthaten.
Die griechischeGötterwclt war ein rdeales Abbild des griechischenVolks-lebens, ausgebildet durch und für die Kunst. Auch das leichtsinnige Ge-schlechtsverhältniß der Götter, die Entartung der morgenländischenSinn-bilder durch die dichterische Phantasie der Griechen, war nur ein Spiegel,in welchem derselbe leichte Sinn des Volkes sich anschaute und vorsich selbstrechtfertigte; doch ohne zerstörenden Einfluß auf ein Volk, dessen ehelichesLeben durch Sitte und Gesetz, dessen rüstige Kraft durch Gymnasien undvorwaltendes Schönheitsgefühl geschützt wurde. Aber alles, was groß undschön im Volksleben, war verherrlicht und geheiligt durch die vaterländi-schen Götter. Darum hing das Volk ihnen liebevoll an, und ihre Vereh-rung war ein freudenreiches, von allen Künsten geschmücktes Fest, wenn-schon dem kühnen Witze des Dichters nicht minder vergönnt war, die Schwä-chen des Olympus, als des souveränen Volkes von Athen zu verspotten.Die Religion der Hellenen mußte eine Vergötterung, nichtsowol derNaturin ihrergeheimnißvollen Tiefe, als des Geistes in der Erscheinung sein, inder Sch önheit offenbarte sich ihnen die Gottheit. Über die Erde, ja über dasVaterland nicht hinauszugehn, lag im Begriff einer dem Volkscharakterangemeßnen Frömmigkeit. Die Mysterien können eine diesem Geiste desVolksglaubens widerstrebende Religionslehre nicht überliefert haben, siebegingen alterthümliche Götterfeste; doch wie in diesen die Erinnerung audie alten, untergegangenen Naturgötter enthalten war, so auch die Ah-nung der einstkünstigen Herrschaft einer höheren Gottheit und eines höhen:
Kirchengeschichtc. 10. Aufl. 2