20 Atto Kircheugosch. 1. Per. 1. Abschn. b. z. I. 100.
gebildete Welt erobert hatten, wollten sie dieselbe genießen, so in rauschen-der Sinnenlnst, als in der Theilname an den Gütern des Geistes. Aberdie griechische Bildung war so weit voran, daß sie eben nur erobert werdenkonnte, ohne eine schöpferische Eigenthümlichkeit hervorzurufen. Durchdie Eroberung und Verwaltung so vieler Provinzen war eine solche Un-gleichheit der Macht und des Besitzes eingetreten, daß die allgemeine Frei-heit nicht länger ertragen werden konnte, und der Volkscharakter so tiefgesunken, daß trotz der republicanischen Formen niemand daran dachte,die öffentliche Freiheit mit der Monarchie zu verbinden. Der Wille des Für-sten galt als das höchste Gesetz, aber die wahrhaft höchste Gewalt war beimHeer. Daher die Nachfolger des Angustns, im Bewußtsein, daß die Weltzu ihren Füßen liege, und doch nicht ein Tag ihnen sicher sei, sich bald iniwilden Genusse des Augenblicks betäubten, bald in einer Schreckensregie-rung Sicherheit suchten. Das Elend des römischen Pöbels und der ausge-sogenen Provinzen stand verzweifelt und drohend neben einem Reichthum,der mit schamlosem Scharfsinn der Natur mehr Lust abzugewinnen rang,als sie zu geben und zu ertragen vermag. Charaktergröße und volksthüm-licheAchtung derselben war mit Verbrechen aller Art vereinbar. Dennoch,beim Verluste altrömischerTugend, blieb ein großartiges Nationalgefühl,die Tapferkeit der Legionen und im Privatleben dieHerrschaft des Rechts.
H. 19. Verfall der Volksreligion.
Die griechische Religion war für Glückliche, für das Unglück hatte sieweder Trost noch Kraft, und die Götter schienen die Städte, aus denen sievon den Siegern gerufen wurden, wirklich zu verlassen. Die Aufklärungüber die griechischen Mythen untergrub auch die Ehrfurcht vor den römischenCäremonieu. Die Vergötterung römischer Despoten schändete die Götterund machte das von Euhemerus verkündete Geheimniß ihrer Entstehungoffenkundig. Über solchen von Gott schon verlaßnen Götterdienst scdeutedie Philosophie sich nicht mehr zu spotten. Zwar achteten die römischenStaatsmänner für nöthig, eine Religion, über deren Nichtigkeit sie einigwaren, zu erhallen, weil der Staal auf sie gegründet war. Doch einemVolke bleibt niemals auf die Länge verborgen, daß es durch eine Täu-schung regiert werden soll. Der menschliche Geist, vom Unglauben überallunbefriedigt, zumalin schwerer Zeit, suchte den Verlornen Frieden in aller-lei barbarischen Gölterverehrungen, und bei dem raschen Wechsel des Glücksunter despotischer Herrschaft in magischen Künsten die Kunde und Machtüber die verborgne Zukunft. So standen Unglaube und Aberglaube ein-ander gegenüber. Nach Zertrümmerung der besonderen Volksgeister konnteeine Volksreligion überall nicht mehr bestehn, die Götter einten sich imrömischen Pantheon. Aber die Philosophie wollte und konnte nicht eineneue Religion begründen. Das Bedürfniß, mit ihm der Glaube übernatür-licher Hülfleistung ist auch in glücklicheren Tagen lebendig gewesen, dieunbewußte Sehnsucht des römischen Volks wurde von seinem Dichter alsahnungsvolle Hoffnung, von seinem Geschichtschreiber als düstreAhnung