5Ü I. Begebenheiten und Charaktere
Geist gebührt mehr Vergnügen der Gesellschaft, weilsie der Gesellschaft Vergnügen machen; sie verdienendiesen Dank. Talente theilen sich durch Umgangnicht mit; Personen von Geist aber entwickeln un-sern Geist, breiten ihn aus; ein Theil des unserngehört ihnen. Bald wird also auch der Umgang mitihnen zur Vertraulichkeit, sogar, wenn sich Herz da-bey findet, zur Freundschaft, bey der man an Rangund Stand gar nicht mehr denket. Denn das bleibtgewiß, daß, alles Bestrebens nach Geist ungeachtet,honette Männer in der Welt anders angesehenwerden, als die, deren Talente man lobt und derenPerson man gern nicht kennet."
„Spiel und Liebe, hat man gesagt, sehen alleStande gleich; wäre das Sprichwort seitdem ausge-sprochen, seit es zur Leidenschaft geworden ist, Geistzu haben; so hatte man gesagt: „Geist, Spiel undLiebe." Das Spiel macht Stande gleich, indem esden Höheren herabsetzt; die Liebe, indem sie denNiedrigern hinaushebt; der Geist — die wahreGleichheit ist Gleichheit der Seelen. Zu wünschenwäre es, daß auch die Tugend gleich machte; leideraber bringen nur Leidenschaften die Menschen dahin,daß sie nur Menschen seyn wollen, vergessendalle äußern Unterschiede" *).
*) Gerade, glaube ich und Hins gewiß, daß Tugenddie Menschen aufs innigste gleich mache: dennwir leben weniger im Geist als im Charakter.Gleich brave Charaktere schätze» und achten sichals Bruder; sie finden sich nicht nur auf Einer