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Das rätisch-obergermanische Kriegstheater der Römer : Eine strategische Studie / von E. Kallee
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Kallee

Der nächfte Anlaß zum Krieg ift damit bezeichnet, zur Klärung- derSachlage fcheint es jedoch erforderlich, in der Gefchichte etwas weiter zurück-zugreifen.

42 Jahre früher, als Cäfar feinen Feldzug gegen die in Gallien eingedrungenenHelvetier und gegen Ariovift begann, lief die Grenze der römifch gallifchen Provinzvon Geneva (Genf) dem Rhone entlang nach der Hauptftadt Lugdunum (Lyon )und von da über den Kamm der Cevennen und Tolofa (Touloufe) an den Fuß derPyrenäen . Das Landgebiet zwifchen diefer Grenzlinie und dem mittelländifchenMeer bildete Cäfars Operationsbafis für den eigentlich erft mit dem nächften Feld-zug beginnenden Eroberungskrieg gegen Gallien.

Es ift hier nicht der Ort, die Phafen diefes Kriegs zu verfolgen, nur daraufwill hingedeutet werden, daß Cäfar im folgenden Jahre (57 v. Chr.) nicht etwageftützt auf feine Bafis frontal vorrückte, fondern daß er vom rechten Flügel derfelbendurch die öftlichen Gaue Galliens direkt nach dem Norden vordrang, um die Belgierund Nervi er zu bekämpfen und niederzuwerfen. Gelang ihm dies, fo ftand er deminnern. Gallien in Flanke und Rücken und konnte die einzelnen durch ihre Nieder-lagen ohnehin entmutigten Völkerfchaften ftrategifch aufrollen. Der kühne Planward vom Erfolg gekrönt und mit dem Schluß des nächften Feldzugs waren dieGallier befiegt, aber allerdings nicht unterworfen. Diefe Unterwerfung nahm,wie wir willen, noch eine Reihe von Jahren in Anfpruch, fie wäre ohne Zweifelfrüher erfolgt, wenn Cäfar feine britannifchen Expeditionen unterlaßen hätte.

Der Einverleibung Galliens in das Römerreich war diejenige des Landesder Helvetier und ihrer Bundesgenoffen vorangegangen, jener Helvetier, Rauraker,Tulinger, Bojer u. f. w., welche der großen Niederlage entgangen, von Cäfar mitder Weifung in ihre alte Heimat zurüekgefchickt worden waren, ihre vor der AusWanderung niedergebrannten Wohnfitze wieder aufzubauen. Die Grenze Galliens wurde damit über das öftliche Ende des Genferfees hinausgerückt, zog fich vonda an den Abfußungen der Hochalpen hin zum weltlichen Ende des Züricherfeesund folgte von diefem Punkte einer Linie, welche über Oberwinterthur (Vitodurum)und Pfyn (ad fines) hinweg das weftliche Ende des Bodenfees bei Tasgätium (Efehenz)erreichte. Von hier nimmt der Rhein feinen Abfluß aus dem See und bildete infeiner ganzen Erftreckung bis zur Nordfee nach Einverleibung Galliens die von derNatur gegebene Barriere gegen das große Germanien .

Die militärifche Befetzung des den Helvetiern und ihren Verbündeten abge-nommenen Landes wurde ohne Zweifel durch Cäfar ungeordnet und zwar gleichim 2. Jahre des gallifchen Kriegs, nach der Befiegung der Belgier und Nervier.Von den acht Legionen, welche er unter feinem Kommando vereinigte, bezogenfieben im Herzen Galliens, an der mittleren Loire in ziemlich weitläufiger Dislokationihre Winterquartiere, die achte unter dem Legaten Serv. Galba (leg. XII) wurdeins Wallis detafchiert, um die Straße über den großen St. Bernhard offen zu halten.Diefe Linie war für Cäfar fehl- wichtig, weil fie eine viel kürzere Verbindung mitOberitalien und Rom herftellte als der große Umweg über Lyon . Die Sicherungder Straße fchloß die Bewachung und Fefthaltung der Flußübergänge in fich unddamit ift die äußerft gefchickte Wahl des Punktes Brugg Windifck (Vindoniffa),welche den Übergang über drei bedeutende Flüffe: die Aar, die Reuß und dieLimmat unmittelbar geftaftete, auf Cäfars Zeit zurückzuführen. Das militärifcheStraßennetz Galliens wurde fpäter von Agrippa geordnet und diefer bedeutendeStratege und militärifche Berater des Auguftus war es wohl auch, welcher denOperationsplan für den Beginn des Eroberungskriegs gegen Germanien entwarf,