Band 
Zweiter Band.
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96 Der französische Adel in seinem Verhältniß

Parlament, den eigentlichen Inhalt seiner Gesinnung und seinesStrebens.

So schwand von Tag zu Tag die Aussicht auf Einigung, bisendlich (am 25. Mai) die Commission ohne Ergebniß auseinanderging, um sich nicht wieder zu versammeln. Die herrschende Mehrzahlder Herren vom Adel betrachtete die Sache als beendet. Von demHof, den Prinzen, der Königin sah sie sich mit einer leichtsinnigenThorheit unterstützt, die man kaum möglich glauben sollte. So hatteder Graf von Artois am 16. Mai dem Präsidenten der Adelskammergeschrieben: „Ich ersuche Sie der Kammer wiederholt die feste undbestimmte Zusicherung zu geben daß das Blut meiner Vorfahrenin seiner ganzen Reinheit in meinen Adern fließt und daß ich, solange mir ein Tropfen bleibt, der ganzen Welt beweisen werde, ichsei würdig, geborener französischer Edelmann zu sein." — DieserBries wurde in der Sitzung, dem Wunsche des Prinzen gemäß, ver-lesen und erschien gedruckt im Moniteur.

Da fehlte denn natürlich nicht der Entschluß schon am 26. Maizu erklären die Adelskammer stelle unbedingt für d.ie diesmalige Ver-sammlung der Reichsstände abgesonderte Prüfung der Vollmachtenfest; selbst eine Untersuchung der etwanigen Vortheile oder Nachtheiledieser Form müsse verschoben bleiben, bis sich die drei Stände überdie Organisation der nächsten Reichsversammlung berathen würden.— Zwei Tage später erklärte der Adel vermöge eines ebenso be-stimmten Beschlusses: Stimmen nach Ständen, und das Recht einesjeden einzelnen Standes Beschlüsse die für das Ganze verbindlichsein sollten, verhindern zu können, das seien Grundgesetze der Mo-narchie, an denen der Adel, als den wahren Erhaltungsprincipiendes Thrones und der Freiheit, unwiderruflich halten werde.

Man sieht, der Adel traute nun auch der Geistlichkeit nicht mehrganz, und deshalb genügte ihm auch die einfache Abstimmung nachStänden nicht mehr. Die Erklärung stellte neue Forderungen, diebisher im Lauf des Streites noch nicht ausdrücklich ausgesprochenwaren; sie verlangte Einhelligkeit der drei Stimmen für jeden allge-mein gültigen Entschluß, und der Sache nach für den Adel das Rechtjeden Beschluß der beiden anderen Stände umstoßen zu können. Da-mit war der Krieg erklärt; der Reichstag konnte nicht einmal zumBeginn seiner eigentlichen Geschäfte schreiten, und dem Anschein nach