Band 
Zweiter Band.
Seite
146
JPEG-Download
 

146

Die französische Revolution und die historische Forschung.

Frankreich unbefangen prüft. Der mittelalterliche Staat, wie er sichin Frankreich in den wichtigsten Beziehungen erhalten hatte, konntefeiner Natur nach die Mittel nicht gewähren, deren die Krone be-durfte, um ihre Stellung in den erweiterten Weltverhältnisfen einerneuen Zeit zu behaupten. Hatte man sich doch schon wiederholt durcheinen schmählichen Staatsbankerott helfen müssen. Selbst die Auf-hebung aller Steuerprivilegien konnte allein nicht helfen; die mittel-alterlichen Bande, welche die Nationalbetriebsamkeit darnieder hielten,mußten gelöst werden, um das jährliche Ergebniß der Nationalarbeitzu- steigern.

So wenig Ludwig XVI. seiner Aufgabe gewachsen war, fühlteer doch, wie nothwendig eine Reform des gesummten Staatswesenssei, und er hatte in Turgot einen redlichen Mann gesunden, dessenStreben auf eine besonnen freisinnige Umgestaltung der alten Zuständegerichtet war. Aber bald vereinigten sich der Haß aller bevorzugtenStände und die Intriguen des Hofs gegen diesen neuernden Minister,und der schwache König ließ ihn fallen. Die Verwaltung der Finanzenfiel daraus wechselnd in die Hände zweier Börsenkünstler, denen dieAufgabe gestellt wurde, Geld aus nichts zu schaffen, von denen dereine, der Genfer Necker, von einer tugendhaften Gattin und einergenialen Tochter bewundert, als tugendhafter Weiser lange Zeit vonder Volksgunst getragen, seine Schwindeleien als erhabene Weisheitmit Salbung und Methode betrieb, während der andere, Calonne,mit der Keckheit eines geistreichen Weltmannes auftrat, der längstüber alle Bedenken einer engherzigen Gewissenhaftigkeit hinaus ist.Aber beide mußten doch zuletzt, so gut wie die weniger bedeutendenPersönlichkeiten, die in Zwischenperioden an die Spitze der Verwaltungtraten, das Spiel verloren geben, und gestehen, daß der Ausweg ausdem Labyrinth nur in einer durchgreifenden Umgestaltung des Ge-meinwesens zu finden sei. Jedes Ministerium, weß Geistes Kindes sonst auch sein;mochte, sah sich zuletzt genöthigt, zu Reformen seineZuflucht zu nehmen.

Aber alle wiederholten Versuche, das krankende Staatswesen, ohnedaß man die verschollenen Reichsstände zu versammeln brauchte, inBahnen zu leiten, die zu einem gesunderen Zustand führen konnten,scheiterten an dem unbedingten Widerspruch des Pariser Parlamentsund des Adels, der in seinem bevorzugten Dasein durchaus nicht