Band 
Erster Band.
JPEG-Download
 

Dritter Abschnitt.

Deutsche und Römer.

I Ich'- haben die Kultur der alten Deutschen bis nahe vor die große, vorzugsweise sogenannteVölkerwanderung verfolgt, in manchen Stücken des Zusammenhanges wegen auchnoch weiter, z. B. die Religion bis zum Eindringen des Christentums bei den germanischenVölkern, die Sprache und Bestattungsweise bis tief in das sogenannte Mittelalter. Das Wandernder Germanen begann indessen nicht erst mit jener großen Völkerbewegung, sondern, wenn wirvorgeschichtliche und bloß vermutete Wanderungen unberücksichtigt lassen, mit dem Auszugeder Kimbrer und Teutonen aus ihrer nordischen Heimat nach dem sonnigen Süden, womit,wie wir bereits oben (S. 17) andeuteten, die Geschichte der Deutschen beginnt. Diese Wande-rungen erlitten indessen zahlreiche Unterbrechungen; auch sind sie nicht als ein eigentlichesWandern aufzufassen, sondern als eine allmähliche Ausbreitung der beteiligten Völker.Den Grund dieser Erscheinung sucht man in einer Übervölkerung der deutschen Heimat,welche wiederum eine Folge der Vertauschung des Nomadenlebens mit Seßhaftigkeit und Acker-bau war, dann auch im Nachdrängen anderer Völker, wie namentlich der slawischen vonOsten her, oder auch stärkerer und größerer Völkerschaften der eigenen Nation, endlich aber,und nicht zum mindesten, in der Abenteuer-, Kriegs- und Beutelnst, sowie in der Sehnsuchtnach wärmeren, milderen und fruchtbareren Ländern im Westen und Süden. Die ganzenVölker beteiligten sich an dieser Ausbreitung, und zwar mit Weib und Kind, Sklaven, Tierenund fahrender Habe, jedoch nicht in einer solchen Anzahl, daß sie den einheimischen Völkern,unter welche sie drangen, darin auch nur von ferne gleichgekommen wären, aber immerhin insolchen Scharen, daß die Bewohner der überfallenen Länder vor den Ankömmlingen zitterten,und alles die Massen anstaunte, welche die Wälder Germaniens in rastloser Folge auszu-strömen vermochten.

Unaufhaltsam schritt nun Roms Verhängnis seine dunkeln Wege fort. Während der erstenHälfte des letzten Jahrhunderts v. Chr. vollzog sich ganz in der Stille eine merkwürdige undfolgenreiche Verschiebung der Nordwestvölker, der von den Südeuropäern in früherer Zeit nichtunterschiedenen Kelten und Germanen. Erstere, welche vor dem Kimbrerkriege noch dasrechte Rheinnfer inne gehabt hatten, wo zahllose keltische Fluß-, Gebirgs- und Ortsnamen nochjetzt von ihrer einstigen Ansiedelung zeugen, wurden von den Germanen nicht nur über denRhein, sondern auch teilweise von dessen linkem Ufer nach dem innern Gallien gedrängt. Manmuß sich bei der Betrachtung der Kämpfe zwischen den Germanen und Rom, welche sich seitCäsars und Ariovists Zeit rastlos folgten, wohl hüten, von unseren Vorfahren den Patriotismusder Deutschen in den Jahren 1813 oder 1870 zu verlangen; jede Idee bedarf der Entwickelung,und jedes Gefühl hat eine gewisse Knltnrstnfe znr notwendigen Voraussetzung. Im Gegenteil:von Patriotismus war wenig vorhanden. In jener bewegten Zeit der Angriffe Roms aufGermanien, die den Zweck hatten, den Römern Gallien zu sichern, bildete das Auftreten Arminseine ganz isolierte, der Zeit vorauseilende Erscheinung, die freilich bei anderen Völkern inViriathus, Vercingetorix, Decebalus u. s. w. ihre Analogieen hatte. Im übrigen aber waren