Band 
Erster Band.
Seite
53
JPEG-Download
 

Der neue Dienstadel bei den Germanen. Vermischung der Römer und Deutschen. 53

Völkerschaften, und größere Völkerbünde an die Stelle der Zersplitterung in Stämme getretenwaren. Allerdings aber erweiterte sich die innere Macht der deutschen Könige während dergroßen Völkerwanderung, Hand in Hand niit der äußeren, dadurch, daß sie in den erobertenTeilen des römischen Reiches naturgemäß die dort bisher von den römischen Kaisern ausgeübtenRechte an sich nähmen, Rechte, welche natürlich in so ausgedehnten Ländern nicht mehr vonden Volksversammlungen der Freien ausgeübt werden konnten, ganz abgesehen davon, daß dieGermanen in jenen eroberten Landen nicht mehr die einzigen Unterthanen ihrer Könige waren,sondern diese Eigenschaft mit den sogenannten Römern, das heißt romanisierten Völkern ver-schiedener Abkunft, teilten. Ebenso wurde durch die große Völkerwanderung der durch dieblutigen Kämpfe nur Landbesitz dezimierte Gebnrtsadel allmählich durch einen Dienstadelergänzt und in der Folge auch ersetzt. Die Entstehung desselben war durch die in denerweiterten Reichen und bei der erweiterten Königsmacht erforderliche Vermehrung der Staats-geschäfte von selbst bedingt.

Die alten Deutschen waren durch die Not in ihrem unwirtlichen Lande zur Auswanderungund Ausbreitung gezwungen worden; ihr Mangel an Bildung verhinderte sie, den Allbau ihrerHeimat zu verbessern. In ihrem Weiterbringen etwas Unrechtes zu erblicken, lag ihnen fern.Freilich hatten die Römer selbst, obwohl im Besitze einer weit höheren Kultur, ihre Provinzenauf nicht rechtmäßigere, ja zum größten Teile auf weit unrechtmäßigere, treulosere undblutigere Weise erworben; sie ernteten also nur, was sie selbst gesäet, — sie erlitten nureine Katastrophe, deren Hereinbrechen sie selbst verschuldet hatten.

Rom verdiente auch schon deshalb kein besseres Schicksal, weil es seine Kriegsgefangenenzu Sklaven machte, sie aber nicht etwa mild behandelte, wie das alte Athen dies gethan hatteund wie es auch die Germanen thaten, sondern auf die empörendste Weise mißhandelte. Wurdensie doch teils zu Gladiatoren oder Bestiariern (Tierkämpfern) dressiert oder noch lieber kurzwegden wilden Tieren des Amphitheaters vorgeworfen, teils an Herren verkauft, die sie geißelnund in schauderhafte Kerker werfen oder grausam foltern und hinrichten lassen konnten.Andere wurden nach siegreichen Kriegen von den Römern familienweise über die Grenzen ge-schleppt und dort zu Zwangsansiedlern, Ko tonen, gemacht, die zwar nicht ganz wie Sklaven,aber immerhin schlecht genug behandelt wurden und durch Abgaben, Aushebungen n. s. w. derartausgesogen wurden, daß sie nicht selten aus Verzweiflung ihr Grundstück verließen und sichin die Legionen einreihen ließen oder gar zu Räuberbanden sich zusammenrotteten. Ersterewurden oft zu besonderen Truppenteilen verbunden, die man „Gentilen" nannte. SowohlSklaven wie Kolonen waren, wenigstens in Europa, seit den Kriegen mit den Germanen derMehrzahl nach Angehörige dieses Volkes; es gab also im römischen Reiche nicht nur Mengenvon Germanen, die gegen den Willen, und von solchen, die mit dem Willen der Römer,sondern auch von solchen, die völlig gegen ihre selbsteigene Absicht hereingekommen waren.

So dienten denn Massen von Germanen aus verschiedenen Veranlassungen, teils freiwillig,teils gezwungen, in den römischen Heeren; man staunte ihre Stärke und Größe, ihre blondenHaare und Bärte, ihre Reckenhaftigkeit und Genügsamkeit (außer im Trinken) an; man ahmteihre Art und Weise nach und färbte das Haar blond. Sie selbst aber schreckten und bändigtendie disziplinierten Perser in Asien wie die regellosen Beduinenhorden in Afrika; denn siewaren die besten Soldaten, welche Rom noch hatte, und gewannen daher mit der Zeitauch das Übergewicht in den Legionen, ja sogar unter den Prätorianern der kaiserlichenLeibgarde. Je zahlreicher aber die Germanen, bestochen durch den Glanz der römischenKultur, in den Heeren Roms wurden, je fesselloser die Sitten des Reiches sich gestaltetenund je schwächer demzufolge das letztere wurde, desto zahlreicher stiegen auch Germanen zu denhöchsten Ämtern und Stellen, nicht mir im Heere, sondern auch im Staate empor. DerKaiser Caracalla gefiel sich darin, in germanischer Tracht aufzutreten und machte sichdadurch bei den Alamannen populär, so blutig er auch unter ihren Landslenten gewütethatte. Am Ende des dritten Jahrhunderts gab es germanische Konsuln und Beamte jedesGrades, wie germanische Feldherren, ja sogar leider auch germanische Höflinge. Der frankeCharietto, früher Gncrillaführcr gegen die Römer am untern Rhein, bekämpfte seine