11tz Erstes Buch. VIII. Geistiges Leben unter Karl dem Großen.
symbolisch dargestellt hatten. Mit Unterstützung des Papstes Hadrian I. führte Karl dengregorianischen Kirchengesang in seinem Reiche ein. Außer den französischen entstanden unteroder doch bald nach ihm auch deutsche Sängerschulen zu Fulda, Mainz, Corvey, Trier,Reicherm», Eichstätt, Regensburg und Würzburg. Die Orgel soll unter Karl in die abend-ländische Kirche eingeführt worden sein.
Karls Regierung war es ferner, welche den endlichen Sieg des Christentums inMitteleuropa herbeiführte. Die Grundlage zu diesem Siege hatten, wie wir bereits (oben S. 98)zeigten, die britisch-irischen und angelsächsischen Glaubensboten gelegt, jene im Süden, dieseim Norden Deutschlands. Im Übergang vom siebenten zum achten Jahrhundert wurde inBaieru unter Herzog Theodo II. die Bekehrung zum Christentum, vorzüglich durch dieBemühungen des Bischofs Ruprecht von Worms und des Märtyrers Emmeram, vollendet.Im mittlern Westdeutschland übernahm diese Aufgabe der größte Glaubensbote seit denAposteln, der Angelsachse Wynfreth (auch Winfrid), genannt Bonifatius, geboren 689,der schon früh einen seltenen Geist und humane Gesinnung verriet. Klassisch gebildet, erklärteer seinen Schülern neben den christlichen Urkunden auch die alten Klassiker. Im Jahre 716fuhr er nach Frisland über, wallte nach Rom und ließ sich vom Papste die Predigt desEvangeliums in Germanien übertragen. Durch den oben (S. 98) genannten Willibrordin Utrecht für seinen Beruf gehörig vorbereitet, zog er 722 nach Thüringen, das seit demEnde des siebenten Jahrhunderts sein Herzogshaus verloren hatte und von den Vornehmenin altgermanischer Weise regiert wurde. Vorangegangen war ihm hier der Schotte Kilian,doch ohne bleibenden Erfolg, so daß Heiden- und Christentum noch bunt nebeneinander be-standen. Vom Papste zum Bischof geweiht, fand Bonifatius in Germanien vieles Entgegen-kommen, er gründete Bistümer, Kirchen und Klöster und setzte sie mit Rom in Verbindung.Zum Entsetzen der Heiden, aber zum Beweise ihres Irrglaubens, fällte er eine dem Donargeheiligte Eiche bei Geismar in Hessen, eine That, welche viele Bekehrungen zur Folge hatte.Aber obschon er ihnen damit zeigte, daß ihr Gott sein Heiligtum nicht schütze, konnte er dochihr inneres Leben nicht Plötzlich umkehren; mußten ja noch viele andere Glanbensboten denHeiden, um sie zu bekehren, zahllose Zugeständnisse machen! Ihre höheren Götter liehenmanche Züge Engeln, Heiligen (so z. B. findet sich das Herumziehen Wuotans und sein plötz-liches Erscheinen in den Hausbesuchen des heiligen Nikolaus am 6. Dezember wieder), währenddie niederen Götter als böse Dämonen in die Hölle verwiesen wurden. Noch heute richtetman sich vielfach in gewissen Lebenslagen nach den Schicksalszeicheu des heidnischen Aber-glaubens! Erhielt sogar das höchste christliche Fest den Namen der heidnischen Göttin Ostara!Immerhin aber hat schon die erste Verbreitung des Christentums in Deutschland die Bewohnersowohl in moralischer wie intellektueller Beziehung gefördert, ihren Gesichtskreis erweitertund ihre Sitten gemildert, soviel dies in so kurzer Zeit zu erwarten war.
Was Bonifatius von Karl Martell umsonst erbeten hatte, trugen ihm endlich, nachlanger Bemühung, des Helden Söhne Pippin und Karl mann auf, nämlich seine Mit-wirkung zur Verbesserung der Sitten des völlig entarteten fränkischen Klerus, ohne welcheWandelung in den vom Reiche abhängigen, Ländern auf die Dauer eine nachhaltige Bekehrungnicht zu erzielen war. Seine Bemühungen fruchteten in der erwähnten Beziehung freilich nurwenig; aber auch die weiteren, damit verbundenen Schritte, das Frankenreich der geistlichen Hoheitdes Papstes zn unterstellen, führten nicht zu dem gewünschten Ziele, indem Pippin sich dazunur so weit herbeiließ, als er des römischen Stuhles zu seinen politischen Zwecken bedurfte.Bonifatius war unterdessen Erzbischof von Mainz und alt geworden, als er noch einmalzum Apostelstabe griff, und jetzt freilich in seiner Würde entsprechendem Aufzuge, nach Fris-land ging, wo er jedoch 754, von einer Heidenschar überfallen, den Mürtyrertod erlitt.Sein Werk setzten zahlreiche Mönche und Nonnen, die er aus England hatte kommen lassen,sowie andere fromme Männer fort. Bonifatius ist der erste gewesen, welcher die katholischeHierarchie in Deutschland befestigt hat; unter Karl dem Großen wurde sie durch die Er-richtung der Erzbistümer Trier, Köln und Salzburg und vieler Bistümer, besonders dersächsischen, vollendet.