Band 
Erster Band.
Seite
120
JPEG-Download
 

Erstes Buch. VM. Geistiges Leben unter Karl dein Großen.

>26

Würden erhielten, die sie nach Belieben entweder selbst bekleideten oder durch andere verwaltenließen, um bloß deren Einkünfte zu beziehen. Es ist eine Lichtseite neben vielen Schattenseiten dernach Karls Tod überhandnehmenden Hierarchie, daß jener Mißbrauch der Religion zu materiell-egoistischen Zwecken mehr zurücktrat. Übrigens beschränkte denselben unter Karl schon dieForderung theoretischer Bildung, die er an alle Bischöfe und Äbte stellte, und die damals auchvon Laien oft vortrefflich erfüllt wurde, so z. B. von Angilbert und Einhard. Um-gekehrt aber wurden viele Geistliche von Karl zu weltlichen Geschäften, Ämtern und Missionen

verwandt, und Bischöfe und Äbte hattenauch als Großgrundbesitzer die weltlichenAngelegenheiten ihres Gebietes, sogar dessenKriegswesen zu leiten. Ja die Bischöfe undKlöster, welche letzteren sich von den ersterengern unabhängig zu machen suchten und auchoft machten, führten nicht selten erbitterteweltliche Fehden miteinander. —

>ie Verhältnisse der damaligen Kultur machenes, alle zusammen genommen, begreiflich,daß der Aberglaube einen weiten Spiel-raum hatte. Die mangelhafte wissenschaft-liche Bildung selbst der Geistlichen verbandsich mit dem Wnnderbedürfnis des Volkes,welchem der Zanberwahn des Heidentums^ noch uu Blute lag. Die Schriften der geist-

v ollsten Männer jener Zeit wimmeln von Bele-gen dieser Thatsache. Paulus Diakvnn s,einer der bedeutendsten Kopfe in Karlslitterarischer Tafelrunde, sah Sonnen- undMondfinsternisse als Vorboten der Pest anund erzählt ernsthaft, es Hütten zur Zeit desWillens dieser Seuche in Pavia Viele ge-sehen, wie znr Nachtzeit der gute und derböse Engel durch die Stadt gingen, — so viclmal letzterer auf Befehl des ersteren mit

einer Rute an eine Hausthür schlug, so viele Menschen seien in dem Hause gestorben. Als

man dann aus Rom Reliquien des heiligen Sebastian gebracht, habe die Pest aufgehört.

Derselbe Schriftsteller berichtet, der langobardische König Knninkpert habe zwei Großen nachdem Leben getrachtet und, während er dies mit seinem Vertrauten besprach, mit dem Messernach einer Mücke gehauen und ihr ein Bein abgeschlagen; darauf sei den beiden Bedrohten

ein Mann mit abgenommenem Beine begegnet und habe sie gewarnt, so daß sie fliehen konnten.

Im Ernste hielt Paulus sowohl die Blücke wie diesen Mann für Masken eines bösen

Geistes! Derlei Märchen erzählt er in Masse. Ähnlich Einhard in seinen Jahrbüchern.Er berichtet, während des Sachsenkrieges (im Jahre 774), und zwar bei der Belagerung vonBnraburg durch die Sachsen, seien einigen Christen sowohl wie einigen Heiden zwei Jünglingein weißen Kleidern erschienen, welche die Sachsen verhindert hätten, die Kirche von Fritzlaranzuzünden, die Bonifatius geweiht und von der er geweissagt habe, sie werde nie durch

Feuer untergehen. Einer der Brandstifter sei sofort tot umgefallen und die anderen entflohen.

Um Karl den Kahlen an der Wegnahme von Kirchengut zu verhindern, ließ ErzbischofHinkmar von Reims, der Verfasser eines vorzüglichen Teiles der Reichsgeschichte (861 bis882) und Verfechter der Freiheit seiner Kirche, in einer Tendenzschrift den Bischof Euchcrinsvon Orleans in eine Verzückung geraten, in welcher er Karl Martell als Kirchenräuberin der Hölle erblickte, worauf er mit anderen das Grab des Helden geöffnet und einen— Drachen darin gefunden haben soll. Er vergaß dabei nur, daß Eucherius vor KarlMartell gestorben war!

HE»

Karolingischer Initialbuchstabe nnt den Zeichen des Zodiakus.

In einer Bibel, welche Karl dem Kahlen von einen: weltlichen Abt desKlosters St. Martin zu Tours, geschenkt wurde.

(Paris, Nationalbibliothek.)