136 Erstes Buch. IX. Die Trennung Deutschlands vorn Frankenreiche.
günstige Zeit für das Erwachen deutschen Bolkstnms und für die Bergung der Reste, welchevon dem durch Ludwig den Frommen zerstörten Werke seines großen Vaters noch gerettetwerden konnten. Es war die Zeit, in welcher sich der dem Hochdeutschen eigentümliche Vor-gang der „zweiten Lautverschiebung" (s. oben S. 42) vollendete. Wenngleich infolge dieserWandelung die deutsche Sprache in zwei Zungen, in die hoch- und niederdeutsche, geteilt wurde,so sorgte doch die politische Zusammengehörigkeit des deutschen Volkes für die Einheit desNationalbewußtseins. Begann man ja auch gerade damals, im neunten Jahrhundert, unsereSprache, ohne Scheidung nach Hoch- und Niederdeutsch, mit einem gemeinsamen Namen:vintisL, das heißt volkstümlich (von äiot, Volk) zu benennen. Was indessen die deutscheProsa in ihren ersten Versuchen schuf, waren lediglich Übersetzungen kirchlicher Texte aus demLateinischen; von Bedeutung und folgenreicher Einwirkung auf die Entwickelung unserer Litteraturwurden dagegen einzelne dichterische Erzeugnisse jener mit Unrecht als gänzlich unkultiviertverschrieenen Zeit.
Denn wie wenig eine solche Auffassung berechtigt ist, zeigt schon die Thatsache mannig-fachen Austausches von Heldcudichtungen zwischen den verschiedenen, oft sogar einander feindlichgesinnten germanischen Völkern. Schon zur Zeit der Karolinger müssen die deutschen Dich-tungen von Sigfrid und den Nibelungen nach Skandinavien gelaugt sein, um dort die Zeit zuihrer Verarbeitung in die Edda gefunden zu haben. Daß sie aber deshalb in Deutschland
keineswegs ansgcstorben waren, zeigt ihr späteres Wiedcrerwacheu zur Zeit der Staufcr. Wirbesitzen ferner ein Lied, das älteste vorhandene in germanischer Zunge, welches die Könige und
Heroen der Dänen und der Graten <das heißt der schwedischen Goten, nicht jener der Völker-
wanderung), und einen Wassergeist Grendel, namentlich aber zwei mythische Helden, beide desNamens Beowulf, besingt, deren bedeutenderer, ähnlich wie Sigfrid, Drachen und andereUngeheuer überwindet und erlegt. Das Epos „Beowulf" ist zwar nur in angelsächsischer
Sprache vorhanden, stammt jedoch seinem ganzen Charakter nach von der deutschen Nordseeküste,von welcher sein Stoff mit den Angelsachsen nach Britannien ausgewandert ist, um dorteine neue Bearbeitung zu finden.
Noch näher aber liegen uns die freilich nur ärmlichen Reste unsres eigenen Landesan Überbleibseln der Hcldeudichtung aus althochdeutscher Zeit. Dieselben beschränken sich auf dasBruchstück eines einzigen Gedichtes, das Hildcbrandslied oder vielmehr das Lied von demKampfe zwischen dem heimkehrenden alten Hildebrand und seinem Sohne Hadnbrand, der ihnnicht erkennt, weil er ihn tot glaubt. Der den Ansgang des Kampfes berichtende Teil desGedichtes ist leider verloren gegangen. Die Hauptsache in den uns erhaltenen Teilen bildendie scharfen, beide Helden trefflich charakterisierenden Gegenreden derselben.
Ganz aber ist der Ton der leider textlich verlorenen altdeutschen Heldenlieder nicht ver-klungen. Er hatte seine Anwendung sowohl auf Ereignisse der damaligen „neuesten Geschichte",wie auf Stoffe der christlichen Poesie gefunden; ja wir treffen ihn sogar in der zu jener Zeitbei uns in den oberen Ständen herrschenden Sprache Roms an und zwar sowohl in christlichenwie in germanisch-heidnischen Stoffen. Nur die Sprache, nicht der reckenhafte, echt germanischeHeldengeist, die scharfe Charakteristik und dichterische Empfindung trennt den zwischen 93» und940 in lateinischen Hexametern gedichteten Waltharius des St. Galler Mönches Ekke-hart I. von dem Hildebrandsliede, mit welchem er dem nämlichen Sagenkreise angehört.Ekkehard schrieb dies Lied als Schulausgabe für seinen Lehrer Gerald, der es ihm dannverbesserte; dasselbe ist ein echtes Kunstwerk ohne allen mönchischen Geist, in der Form demVergil nachgeahmt und hat zum Gegenstand den an den Westgvtcnkönig Walja erinnerndenSagcnhcld Walter von Ayuitanien. Letztere Landschaft wird auch Vasconien oder Wasichingenannt, weil es mit den Vogesen verwechselt wurde, in welche man auch den Kampf Waltersgegen die Nibelungen, Günther und Hagen verlegte, die ihm und der durch ihn von EtzelsHofe entführten Hildegunde nachsetzten.
Es geht aus diesen Dichtungen hervor, daß viele altgermanische Sagenstvffe auch nochnach Ludwig dem Frommen fortlebten, und es spricht dafür auch weiter der Umstand, daßihre Reckenhaftigkeit in der Zeitgeschichte einen begeisterten Widerhall fand. Gewiß war es