170 Zweites Buch. 111. Reichsverfassung, Reichsregierung und Rechtspflege.
wurde, stets von der Persönlichkeit des Königs ab, welche Stellung er im Reiche einnahm.Bei dem Mangel an einer Gesetzgebung über die Rechte des Königtums konnte dieses, wenn derInhaber stark war, mit sehr großer Willkür schalten; im übrigen aber bestimmte sein Verhältniszu den Unterthanen der Begriff der Gnade; wer dieselbe nicht gewonnen hatte, galtals Feind des Königs und Rebell gegen das Reich.
Die deutschen Könige waren nicht erblich, wie die Merowinger und Karolinger, sondernwählbar. Die Wahl fand in der Glanzzeit des Reiches auf mannigfache Art statt. Ent-weder wurde der König von den Herzogen frei gewählt, oder er wurde von dem Vorgänger«meist dem Vater) zur Nachfolge auscrschen, dann durch eine Scheinwahl der Herzoge unddurch den Zuruf der Geistlichkeit und des Volkes bestätigt. Die Wahl war demnach, wennnicht grade die Dynastie erloschen war, eigentlich nur eine Form. Doch waren die Großenstets eifrig bedacht, das Reich nicht erblich werden zu lassen.
Seit Otto dem Großen war die Kaiserwürde, wie unter Karl dem Großen und seinenNachfolgern an die Franken, so nun an die Sachsen, Franken und Staufer gefallen. Hier-durch war eine Verbindung Italiens, wenigstens bis nach Rom hin, mit Deutschland zu einemReiche begründet worden. Das „Königreich Italien", welches Piemont, die Lombardei, an derAdria die Emilia und Venetien umfaßte, galt unter Otto I. seit seiner Heirat mit Adelheid alsein Gut des Kaisers. Seine Nachfolger aber forderten ganz Italien als Erben der Karolinger,was jedoch im Süden des Landes so lange auf einen stetig wachsenden Widerstand stieß, bisjener Anspruch endgültig aufgegeben werden mußte. Nur soweit die Kaiser die Macht dazuhatten, waren sie Herren in Rom; sobald sie nicht mit ihren Kriegern dort waren, strittensich der Papst und die Römer selbst um den Besitz der heiligen Stadt. Nach der Theoriedes Mittelalters sollten Kaiser und Papst einander gegenseitig unterstützen und ergänzen; inder Wirklichkeit aber handelte es sich zwischen ihnen nur, je nach der Persönlichkeit beider,um die Über- oder Unterordnung des einen oder des andern.
Infolge dieses Verhältnisses war der Titel nicht nur des Kaisers, sondern auch desKönigs, solange er nicht Kaiser war: Imperator (oder Rex) Uoinanornm. Von einem Bezugauf Deutschland war im amtlichen Leben keine Rede.
In der ersten Zeit der „Römerzüge" waren die Deutschen, wie einst ihre Vorfahrenin der Völkerwanderung, für die Heerfahrten nach dem warmen und fruchtbaren Süden be-geistert gewesen; was sie aber später, als Hitze, Fieber, Rciscbcschwerdcn und blutige Zu-sammenstöße sie enttäuschten, über die Vorliebe ihrer Könige und Kaiser für das wälscheLand dachten, das drückt der Historiker und Bischof Thietmar von Mcrscburg kraftvoll in denWorten aus: „Die Luft und die Bewohner jenes Landes stimmen doch nicht zu unsrer Natur.Viele Tücke und Hinterlist herrscht leider im Römcrlande und in der Lombardei. Alle, diedorthin kommen, empfangen nur wenig Liebe; alles, dessen dort die Fremden bedürfen, mußteuer bezahlt werden, und zwar immer noch mit Gefahr des Betrugs. Viele sterben dortauch an Gift." Unsre Krieger waren immer froh, wenn sie „die heimatlichen Gefilde wiedersahen, die sie so heiter anlachten."
Indessen darf der Herzcnszug des deutschen Königtums nach Süden zur Erlangung derKaiserkrone nicht einseitig verurteilt werden. Praktischen Erfolg hatte er nicht, und fürDeutschland war er vorwiegend unheilvoll; entriß er ja doch den König oft für längere Zeitseinem Vaterlande, opferte er doch meist nutzlos das Blut der Deutschen für eine ihnen fremdeSache auf, wurde doch der deutsche Name in Italien verhaßt, und verhinderte doch die Vergeu-dung so vieler Kräfte im Süden eine andauernde und nachhaltige Verteidigung der Ostgrenzedes Reiches. Dagegen ist der ideale Gehalt dieses Strcbeus durchaus nicht zu unterschätzen.Italien hat in hohem Grade zivilisierend und bildend auf das ihm damals in jeder Hinsichtweit nachstehende Deutschland eingewirkt, und die römische Kaiserwürde gab den Deutschen einAnsehen, welches sie, solange ihnen dieselbe gehörte, znm mächtigsten Volke Europas erhob.Aber auch materielle Vorteile bot dieses Verhältnis, indem es Bente, Tribute und Geschenkenach Deutschland brachte und manchen deutschen Herren vielbegehrte köstliche Lehen imWälschlande verschaffte.